Statussymbole eines Globetrotters: Franz Ferdinand als Souvenirjäger

28. August 2014, 17:05
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2014 gedenkt die Welt des Beginns des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. 20 Jahre vor dem Attentat in Sarajevo dachte der Thronfolger noch an den Zweck seiner Andenken von einer Weltreise.

Sie gehören in jeden herzeigbaren Haushalt und auch ins gut sortierte Großraumbüro: Souvenirs aus dem Urlaub, die wir Freunden und Kollegen in diesen Tagen wieder massenweise mitbringen. Doch egal, ob Kitsch oder Kunst, ob ess-, trink- oder haltbar bis in alle Ewigkeit - es sind Krücken der Erinnerung für einen selbst. Als Gedächtnisstützen für schöne Momente, die Daheimgebliebene nie erlebten, funktionieren sie nicht. Nehmen wir das Beispiel Franz Ferdinand und dessen Souvenirs.

Franz Ferdinand, der Souvenirjäger

Der eine Moment, an den sich hundert Jahre später die ganze Welt erinnert, war gewiss nicht schön - nicht für den österreichischen Thronfolger und schon gar nicht für Europa: Franz Ferdinand, das ist der 28. Juni 1914. Und dieser Junitag und das Attentat in Sarajevo, das ist der Große Krieg. Daneben bleibt schlicht kein Platz in der Erinnerung. Und doch hätte dieser Franz Ferdinand, wenn schon nicht sehr wahrscheinlich als populärer Staatsmann, dann doch als größter Souvenirjäger des 19. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen können.

Statussymbole eines Globetrotters

14.000 Trophäen der Erinnerung nahm der Mann von seiner zehnmonatigen Weltreise in den Jahren 1892 und 1893 mit nach Hause. Beinahe 10.000 Exemplare von der in Pula begonnenen Reise nach Suez, Aden, Sri Lanka, Indien, Nepal, Südostasien, Ozeanien, China, Japan und in die USA hat das Weltmuseum Wien aufgehoben. In der Ausstellung "Franz is here!" werden diese Statussymbole frühen Globetrottertums noch bis November 2014 gezeigt. Franz Ferdinand sammelte aber auch, um sich auf seine künftige Rolle als Herrscher von Österreich-Ungarn vorzubereiten. In seinem Tagebuch hielt er fest, er wolle "aus der persönlichen Anschauung anderer Erdtheile, aus dem Einblick in fremde Staatsgebilde und Gemeinwesen, aus der Berührung mit fremden Völkern und Menschen, mit ausländischer Cultur und Sitte Belehrung gewinnen".

Eine gewisse Geschmacklosigkeit inhärent

Nicht unter diesen Exemplaren ist selbstredend der Waffenrock, den Franz Ferdinand am Tag des Attentats trug. Den gibt es bis heute im Sarajevo-Saal des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien zu sehen. Oder zumindest Teile davon. Denn wie es die Ironie dieser konkurrierenden Geschichten will, fehlt das Rückenfutter des Rocks: Einer der größten Sammler von Memorabilien aller Zeiten ist selbst Opfer von Souvenirräubern geworden. Kleine Stücke aus dem Seidenfutter sollen nach dem Zweiten Weltkrieg überall in Jugoslawien als Trophäen aufgetaucht sein. Wie man sieht, ist dem Souvenir an sich eine gewisse Geschmacklosigkeit inhärent.

Chinesische Mauer

Das zweite wichtige historische Erinnerungsstück des Jahres 2014 ist zugegebenermaßen ein erfreulicheres und also der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren. Eigentlich sollte diese längst weg sein, in den Köpfen und sowieso physisch. Letzteres wird zumindest immer wieder betont, wenn man ein Vierteljahrhundert später noch ein Stück davon als Souvenir zu überhöhten Preisen ergattert. Wer sich dann unsicher ist, ob dafür nicht längst Billigimporte aus China herhalten müssen, sprich: die Chinesische Mauer abgetragen wird, sollte bei der Bundesstiftung für die Aufarbeitung der SED-Diktatur nachfragen. Dort weiß man, dass dem nicht so ist, denn die Stadt Berlin hat in Marzahn noch ein volles Depot mit Mauerresten.

Besonders häufig konfisziert: die Schneekugel

Denken Sie bitte nach, ehe Sie Ihre Bürokollegen das nächste Mal mit einem Souvenir beglücken: Nicht nur wird er Ihre Erinnerung an die Reise gewiss nicht teilen können, der Seitenhieb eines Schneekugelimports - etwa aus dem wunderbar sonnigen Montenegro - nach Österreich, wo im August tatsächlich Winter herrscht, ist nicht nett. Und noch dazu illegal. Das erfährt man am Flughafen, wo die Schneekugel noch immer zu den am häufigsten konfiszierten Souvenirs gehört. Das Illegale daran: Die Sehenswürdigkeiten schwimmen oft in mehr als 100 ml Flüssigkeit - solche Mengen sind im Handgepäck verboten. Somit wäre dieses Mitbringsel nun endlich auch offiziell als Akt des Terrors eingestuft. (Sascha Aumüller, Rondo, DER STANDARD, 29.08.2014)

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