Öffentlicher Verkehr auf Wiener Bussen

26. August 2014, 20:20
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Ein Bordell unweit des Wiener Rathauses buhlt mit plakatierten Bussen um Kundschaft und erzürnt die Gemüter. Über den Sexismus sind sich alle einig, doch beim Werberat ist keine einzige Anzeige eingegangen

Wien - Busse, auf denen die Dienstleistungen spärlich bekleideter Frauen unübersehbar angepriesen werden, kurven schon seit Jahren den Las Vegas Boulevard auf und ab - die Sexarbeiterinnen sitzen praktischerweise auch gleich im Gefährt. Obwohl das in Wien nicht der Fall ist, sorgen die fünf Busse mit Bordellwerbung für Aufregung.

Sie stehen an prominenten Plätzen, etwa vor der Albertina, in der Rotenturmstraße oder seit einigen Tagen auch vor dem Hilton Hotel am Stadtpark, und weder Parkkrallen noch Strafmandate können daran etwas ändern: Der Betreiber, ein Ungar mit Firmensitz in Österreich, bezahlt brav die Strafen und meint, das sei somit ein gutes Geschäft für ihn und für die Stadt Wien. Das Bordell befindet sich ausgerechnet direkt hinter dem Rathaus.

In der Stadtverwaltung freut man sich allerdings wenig über die Zusatzeinnahmen. "Die Werbung ist eindeutig sexistisch", sagt eine Sprecherin von Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SP). "Die Auswirkungen auf das Frauenbild sind furchtbar, allein: Wir haben keine Handhabe." Trotzdem sich einige Anrainer in Boulevardmedien über die sogenannten Pornobusse echauffiert haben und einer besprayt wurde - weder bei der Watchgroup noch beim Werberat sind bis Dienstagabend Anzeigen eingegangen.

Werbung als Spiegel

Werbung sei nicht nur ein Spiegelbild gesellschaftlicher Einstellungen, sondern habe auch Auswirkungen auf die Gesellschaft, heißt es in den Richtlinien des Werberats. Diskriminierung liege vor, wenn eine Person "in rein sexualisierter Funktion als Blickfang dargestellt wird", "auf die Sexualität reduziert wird" oder, im Falle von Werbung für sexuelle Dienstleistung, die Würde der Abgebildeten oder der Passanten verletzt wird. Zumindest einige der Kategorien dürften die Busse erfüllen.

"Wir haben uns gewundert, dass es bis jetzt noch keine Beschwerden gab", sagt Andrea Stoidl vom Werberat. Doch selbst wenn es zu einer Anzeige käme und wenn die Mehrheit der Werberäte (in Vollzahl sind es 160) positiv entschiede, hätte das keine rechtlichen Konsequenzen. "Wir würden einen Stopp der Kampagne fordern und medial Druck machen, aber letztendlich ist es eine Frage der Selbstregulierung, ob Firmen Negativ-PR vermeiden wollen", erklärt Stoidl.

Bei einem Bordellbetreiber gibt es vermutlich eine geringe Hemmschwelle für sexistisches Image. Ein Plakat eines anderen Bordells, das als Willkommensgruß am Flughafen Schwechat prangte, wurde erst nach Jahren des Protests entfernt.

Birgit Hebein von den Wiener Grünen wollte schon bei den Flatrate-Puffs eine Debatte über werberechtliche Bedingungen. Die Busse würden sie zwar ärgern, "aber die Aufregung wünsche ich mir überall, wo mit nackten Frauen geworben wird". Im Büro Frauenberger wird argumentiert, es fehle an Instrumenten, um frauenfeindliche Werbung zu unterbinden. Vor allem mangele es an EU-weiten Standards. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 27.8.2014)

  • Bloß nicht stolpern: Passanten staunen derzeit über die überlebensgroßen, reizvollen Anblicke
    foto: standard/cremer

    Bloß nicht stolpern: Passanten staunen derzeit über die überlebensgroßen, reizvollen Anblicke

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