Spindelegger: "Das ist nichts für die Ewigkeit"

Interview mit Video26. August 2014, 15:40
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Michael Spindelegger im Gespräch mit Musiker Roland Neuwirth über das Ablaufdatum in der Politik

Fünf Tage vor seinem Rücktritt setzte sich Michael Spindelegger mit dem Musiker Roland Neuwirth zu einem Gespräch zusammen. Es ging um Bodenhaftung und um das Ablaufdatum in der Politik. Es war das letzte Interview, das Spindelegger vor seinem Rückzug gegeben hat.

STANDARD: Sie haben sich dem Wienerlied verschrieben. Ist das Genre Wienerlied unpolitisch oder gibt es politische Botschaften oder gar so etwas wie eine Systemkritik?

Neuwirth: Systemkritik ist zu viel gesagt. Aber jede gewachsene Musik ist Musik des Lebens und nicht zu verwechseln mit dem Schlager. Da gibt es sehr wohl sozialkritische Lieder.

STANDARD: Die sich auch mit politischen Themen auseinandersetzen?

Neuwirth: Selbstverständlich.

STANDARD: Herr Spindelegger, sind Sie ein musikalischer Mensch? Können Sie mit Musik etwas
anfangen?

Spindelegger: Anfangen so wie jeder, und ich habe verzweifelt versucht, Klavier zu lernen, zwei Jahre lang, aber dann habe ich es leider abgebrochen. Aber ich sorge jetzt dafür, dass meine Kinder mehrere Instrumente lernen, das ist die Lehre aus der Vergangenheit. Mein Sohn lernt nicht nur Klavier, sondern auch Schlagzeug. Das heißt, dass es zu Hause sehr laut werden kann.

völker/puktalovic

STANDARD: Herr Neuwirth, können Sie etwas mit Politik anfangen? Sind Sie ein politischer Mensch und können Sie die tagesaktuelle Politik nachvollziehen?

Neuwirth: Ich bin überhaupt kein politischer Mensch, aber die Politik geht mir schon ans Eingemachte, das betrifft mich sehr stark. Ich versuche zu reflektieren und darüber nachzudenken, warum machen die das und nicht das. Man ärgert sich und freut sich selten.

STANDARD: Sind Sie der Politik schon überdrüssig geworden?

Neuwirth: Wenn man überdrüssig werden würde, würde man ja sein Leben und sein Umfeld aufgeben, eigentlich seine Zukunft – das wäre entsetzlich.

STANDARD: Herr Vizekanzler, kommen Sie überhaupt noch mit "normalen“ Menschen zusammen, die Ihnen auch so richtig die Meinung sagen? Besteht nicht die Gefahr, dass man als Politiker den Kontakt zur Bevölkerung und die Bodenhaftung verliert?

Spindelegger: Die Gefahr besteht sicher, und natürlich bin ich in einer eigenen Welt unterwegs, aber wie jeder Mensch in seinem Bekanntenkreis auch von Menschen umgeben ist, die er halt kennt. Ich glaube nicht, dass jemand ein absolutes Weltbild in dem Sinn hat, wo er alles überblicken kann. Wo ich Menschen begegne, das ist beim Einkaufen, das tu ich gerne. Aber ich komm ja nicht weit, bis zum Obststand, weil mich viele Leute anreden. Die sagen mir auch ihre Meinung. Sie brauchen aber nicht glauben, dass die immer negativ ist. Ganz im Gegenteil. Viele versuchen einen Kontakt herzustellen, auch bei anderen Gelegenheiten. Beim Spazierengehen im Urlaub reden mich Leute an, um mir etwas mitzugeben, mich zu bestärken, vielleicht das eine oder andere zu kritisieren, aber das ist nicht so, dass ich mich fürchten muss, ganz im Gegenteil. Offen sein auch für Kritik ist notwendig.

STANDARD: Wenn es so etwas wie eine Hochpolitik im Sinne von Hochkultur gibt, für die ja letztendlich auch der Vizekanzler steht: Gibt es auch so etwas wie eine Populärpolitik, zum Beispiel das, was im Wirtshaus diskutiert wird?

Neuwirth: Natürlich, wir dürfen nicht vergessen, dass wir in einer Massendemokratie leben. Was immer man davon hält. Demokratie, irgendeine, ist besser als gar keine. Aber natürlich kann in der Massendemokratie jeder Trottel das Schicksal des Landes mitbestimmen, bei den Wahlen zum Beispiel. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich merke bei den jungen Leuten, dass sie immer mehr demokratieüberdrüssig werden. Das ist eine gefährliche Sache.

STANDARD: Gehen diese Leute nicht mehr wählen?

Neuwirth: Oder sie wählen die falsche Partei.

STANDARD: Beobachten Sie das auch, dass die Leute schon ein bisschen grantig sind?

Spindelegger: Ja und nein. Es ist sehr individuell, es kommt darauf an, wie man darauf zugeht. Man kann Leute finden, die sich am Stammtisch, beim Heurigen, furchtbar aufregen über die Politik, aber am nächsten Tag wieder ganz etwas anderes sagen. Ich warne immer vor diesen Verallgemeinerungen. Es ist nicht so, dass auf einmal die totale Politikverdrossenheit da ist. Das begleitet mich mein politisches Leben lang. Vielleicht ist es gestiegen, mag sein, auch in der jetzigen Phase, auch durch die Begleitumstände, mit denen wir leben, Krise seit 2008, die nicht aufhören will und noch immer kein Ende in Sicht. Das schlägt auch aufs Gemüt, das ist schon klar.

STANDARD: Bei den meisten Umfragen liegt die FPÖ derzeit auf Platz eins. Beunruhigt Sie das?

Neuwirth: Massendemokratisch ist mir das klar. Mit einfachen Worten zu sagen, "Wir sind für Österreich“, das kommt an. Scheint ja die einzige Partei zu sein, die das auf ihr Banner schreibt.

STANDARD: Für Österreich ist der Vizekanzler auch.

Neuwirth: Österreich soll ein Staat sein. Der Staat definiert sich durch seine Souveränität, die haben wir aber längst an Brüssel abgegeben.

Spindelegger: Aus meiner Erfahrung war der EU-Beitritt Österreichs ein großer Erfolg. Es gibt viele Profiteure des Beitritts. Der Wohlstand, den wir heute haben, resultiert auch aus dem EU-Beitritt. Die Vorteile gibt es, vielleicht betonen wir sie zu wenig oft.

Neuwirth: Kann aber so leicht passieren. Ich glaube ja, dass Österreich in absehbarer Zeit verschwinden wird.

Spindelegger: Was verstehen Sie unter Verschwinden?

Neuwirth: Unser ganzes Selbstverständnis ist uns ja schon längst abhandengekommen. Zuerst der Beitritt zur EU und dann die Folgen, es wurde alles globalisiert. Der Mensch oder das Volk, falls es so etwas überhaupt noch gibt, fühlt sich nur in einem kleinen, überschaubaren Rahmen wohl. Man tut das Gegenteil. Man schmeißt das kleine Land in die riesige Welt hinein. Ohne Netze und ohne psychologischen Rückhalt. Und durch die Aufgabe der eigenen Währung gibt man auch einen Teil der eigenen Identität auf.

STANDARD: Herr Neuwirth hat gemeint, diese einfache Botschaft, "Für Österreich“, sei ein Teil des Erfolges der FPÖ. Sie sind ja auch überzeugter Österreicher. Ist Ihre Botschaft vielleicht zu kompliziert?

Spindelegger: Ich glaube, dass die FPÖ vor allem bei denen punktet, die selber empfinden, dass sie einen Nachteil haben, und sich dadurch anderen gegenüber diskriminiert fühlen. Das ist der Hintergrund. Ob man die jetzt als Wohlstandsverlierer bezeichnet oder wie auch immer. Aber dort ist auch das Potenzial für Unzufriedenheit, und da wird das verlagert, weil die anderen schuld sind, dass es einem schlecht geht.

STANDARD: Kann das die einzige Erklärung sein? Denn dieses Potenzial für Unzufriedenheit ist ja offensichtlich sehr groß. Wenn man sich die Umfragen anschaut, wäre die FPÖ momentan die stärkste Partei. Gibt es so viele Wohlstandsverlierer in Österreich?

Spindelegger: Ich würde das relativieren. Vor den Wahlen im letzten Herbst hat man auch gesagt, was für ein Potenzial die FPÖ hat und wie sie in die Höhe steigen wird, und es war nicht der Fall. Die waren auch schon stärker, sie haben schon 27 Prozent gehabt und nicht 20 wie bei der letzten Wahl. Auch bei der Europawahl ist dieses Protestpotenzial nicht unglaublich angewachsen.

STANDARD: Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer hat gemeint: "Dieses Herumgrundeln bei 20 Prozent der ÖVP ist unerträglich.“

Spindelegger: Man kann nicht immer nur darauf schauen, dass man die Meinungsumfragen nach oben treibt. Das, was man tun muss, ist das, was in Österreich getan werden muss. Und da haben wir viele Aufgaben, wo halt alle gerne wegschauen. Wir brauchen eine Strukturreform, auch wenn es unangenehm ist, auch für die Landeshauptleute. Da sind die Länder bisher nicht gerade sehr hilfreich und bereit, etwas zu ändern. Das müssen wir schon in der Bundesregierung machen. Auch wenn das vielleicht nicht für die Umfragen das Beste ist.

STANDARD: Aber die ÖVP will in der nächsten Legislaturperiode auch noch weitermachen, sie muss ja die nächste Wahl überleben.

Spindelegger: Ja, aber Entschuldigung, wir sind ein paar Monate nach der letzten Wahl, die nächste Wahl ist in vier Jahren. Bis dahin ist die Zeit, etwas zu tun. Ich denke nicht an Umfragen, sondern an das, was für Österreich das Richtige ist. Da kann man darüber streiten, ob es das Richtige ist.

STANDARD: Neuwirth feiert heuer sein 40-jähriges Bühnenjubiläum. Werden Sie sich 40 Jahre auf dem politischen Parkett halten können?

Spindelegger: Das bestimmt immer der Wähler. Das ist in einer Demokratie so. Letztlich hat jeder Politiker ein Ablaufdatum. Das ist die Wahl, oder es entscheidet die Partei. So muss man das zur Kenntnis nehmen. Das ist nichts für die Ewigkeit. Aber trotzdem muss man in der Zeit, wo man den Auftrag hat, etwas zu tun, das Richtige tun. Das versuche ich.

STANDARD: Gibt es ein Lied aus dem Fundus des Wienerliedes, das auf den Vizekanzler passen würde?

Neuwirth: Ich habe in meiner Zeit 400 Lieder geschrieben, da wird schon eines dabei sein. Ich würde mich aber freuen, wenn der Herr Spindelegger zu meinem Konzert im November ins Konzerthaus kommt.

Spindelegger: Sagen Sie mir rechtzeitig Bescheid. Vielleicht habe ich dann ja Zeit. (Michael Völker, DER STANDARD, 26.8.2014)

Michael Spindelegger (54) ist am Dienstag von all seinen Ämtern zurückgetreten. Er war ab April 2011 Vizekanzler, im Mai 2011 wurde er zum ÖVP-Obmann gewählt. Im Dezember 2013 wechselte Spindelegger aus dem Außenministerium ins Finanzministerium. Der Niederösterreicher ist in Hinterbrühl bei Mödling zu Hause, er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Roland Josef Leopold Neuwirth (63) ist Autor, Sänger und Komponist. Mit seiner Band Extremschrammeln widmet er sich dem Wienerlied und dessen Erneuerung in allen Facetten. Neuwirth hat 15 Tonträger veröffentlicht und zahlreiche Lieder sowie Tänze und Walzer komponiert. Im November feiert er mit Freunden sein 40-jähriges Bühnenjubiläum mit einem großen Auftritt im Konzerthaus.

  • Ein Gespräch zu dritt im Hotel Sacher: Noch ist Michael Spindelegger  Vizekanzler und ÖVP-Chef. Roland Neuwirth hört zu.
    foto: standard/fischer

    Ein Gespräch zu dritt im Hotel Sacher: Noch ist Michael Spindelegger Vizekanzler und ÖVP-Chef. Roland Neuwirth hört zu.

  • Roland Neuwirth: "Natürlich kann in der Massendemokratie jeder Trottel das Schicksal des  Landes mitbestimmen."
    foto: standard/fischer

    Roland Neuwirth: "Natürlich kann in der Massendemokratie jeder Trottel das Schicksal des Landes mitbestimmen."

  • Michael Spindelegger: "Letztendlich hat jeder Politiker ein Ablaufdatum. Das ist die Wahl, oder es entscheidet die Partei."
    foto: standard/fischer

    Michael Spindelegger: "Letztendlich hat jeder Politiker ein Ablaufdatum. Das ist die Wahl, oder es entscheidet die Partei."

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