Ebola-Entdecker: WHO hat zu langsam reagiert

26. August 2014, 12:36
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Obwohl es im März die ersten Warnungen bezüglich der Ebola-Epidemie in Westafrika gegeben hatte, sei die Weltgesundheitsorganisation erst Monate später aktiv geworden

Paris/Monrovia/Genf/London - Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nach Ansicht des Ebola-Entdeckers Peter Piot zu langsam auf den Ausbruch des Virus in Westafrika reagiert. Bereits im März sei gewarnt worden, dass sich seit Dezember 2013 eine Ebola-Epidemie entwickle, sagte der belgische Forscher der Pariser Zeitung "Libération".

"Ungeachtet von Aufforderungen durch MSF (Ärzte ohne Grenzen) ist die WHO nicht vor Juli aufgewacht", kritisierte der belgische Wissenschafter, der das Ebola-Virus 1976 in Zaire, der heutigen Republik Kongo, entdeckte. "Inzwischen hat sie die Führung übernommen, aber das kam spät."

Der perfekte Sturm

Der 65-Jährige warnte, dass die Ebola-Epidemie noch weit schlimmere Folgen haben könnte als bisher. Seit sechs Monaten braue sich etwas zusammen, was man einen "perfekten Sturm" nennen könne.

"Es ist alles dafür beisammen, dass er aufheulen könnte", erklärte Piot unter Hinweis auf den Zerfall der Gesundheitssysteme in Ländern wie Liberia und Sierra Leone, die lange Bürgerkriege hinter sich haben.

Für westliche Länder sieht Piot keine ernste Gefahr durch Ebola. Es sei zwar möglich, dass einzelne Fälle von Ebola auftreten. Moderne Gesundheitssysteme könnten damit aber fertigwerden. Ebola-Viren würden sich keineswegs so leicht verbreiten wie etwa Grippe-Erreger.

Doch trotzdem ist die Situation in den betroffenen afrikanischen Staaten - Sierra Leone, Liberia, Guinea, Nigeria und die Demokratische Republik Kongo - ausgesprochen ernst. Diese Staaten haben an sich schon - die meisten gehören zu den Armenhäusern der Welt - ein kaum existentes Gesundheits- und Sozialwesen.

Gesundheitspersonal betroffen

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist es im Rahmen der Ebola-Ausbrüche auch zu einer "bisher nicht gesehenen Zahl von Infektionen von Angehörigen des Gesundheitspersonals" gekommen.

"'Bisher sind mehr als 240 Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Guinea, Liberia, Nigeria und Sierra Leone erkrankt, mehr als 120 sind gestorben", teilte die Organisation am Dienstag mit.

Davon betroffen sind auch seit Beginn der Seuche Angehörige von Hilfsorganisationen. Das ist erstaunlich, da sie an sich gut ausgebildet und durch entsprechende Maßnahmen geschützt sein müssten.

Besorgnis gibt es wegen des Ausbruches von Ebola auch in der Demokratischen Republik Kongo. Angeblich steht er nicht im Zusammenhang mit den Erkrankungen in Westafrika, doch vollständig auszuschließen ist das nicht.

Vier Infizierte im Kongo

"Wir haben am Sonntag die Bestätigung erhalten, dass vier der Blutproben, die unsere Mitarbeiter vergangene Woche entnommen haben, positiv auf das Ebola-Virus getestet wurden", erklärte Jeroen Beijnberger, medizinischer Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in der Demokratischen Republik Kongo.

"Wir haben schnell reagiert, um jene Patienten rasch zu isolieren, bei denen das Virus bestätigt wurde oder die als Verdachtsfälle gelten. Wir starten auch das Nachverfolgen ihrer Kontaktpersonen, um mögliche Ebola-Symptome schnell zu erkennen."

Ärzte ohne Grenzen errichtet ein Ebola-Zentrum in Lokolia, dem von dem Ausbruch am stärksten betroffenen Gebiet im Gesundheitsbezirk Boende, und arbeitet eng mit dem kongolesischen Gesundheitsministerium zusammen. "Unser Hauptziel ist es, alles zu tun, um eine Ausbreitung zu stoppen und andere Menschen vor dem Virus zu schützen", sagte Beijnberger.

Die Weltgesundheitsorganisation führt mehrere Gründe für die Ebola-Infektionen unter den Helfern an: In vielen der betroffenen Regionen grassieren Malaria, Lassafieber, Typhus etc. Sie sind in den Symptomen ähnlich jenen von Ebola.

Risiken bei Notfallversorgung

Man denke nicht sofort an diese Erkrankung. Auch in der Notfallversorgung gingen die Ärzte und Krankenpfleger manchmal Risiken ein. Gerade in den armen Ländern fehlten aber oft Schutzbekleidung und andere Hilfen. Schließlich fehle es an Training.

Der Ebola-Gesandte der Vereinten Nationen, David Nabarro, hat Fluggesellschaften dafür kritisiert, von der Krankheit betroffene Staaten in Westafrika nicht mehr anzufliegen. Die Streichung von Flugverbindungen in die Region erschwere den Kampf gegen Ebola, sagte Nabarro am Montag in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone.

"Wenn die Länder isoliert werden, wird es für die UNO weitaus schwieriger, ihre Arbeit zu verrichten", erklärte der UNO-Vertreter. In Westafrika starben nach Angaben der WHO bis zum 20. August 1.427 Menschen an der Krankheit.

Medikament für britischen Pfleger

Der mit dem Ebola-Virus infizierte britische Krankenpfleger könnte nach Darstellung des Gesundheitsministeriums in London doch noch mit dem experimentellen Medikament ZMapp behandelt werden.

Die britischen Behörden stünden mit der Weltgesundheitsorganisation in Kontakt, um an dieses oder ein ähnliches noch nicht zugelassenes Medikament zu kommen.

"Einige Dosen könnten für uns zur Verfügung stehen", sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Dienstag. Die Entscheidung, ob das noch im Experimentierstadium befindliche Mittel angewandt wird, müssten die Mediziner gemeinsam mit dem Patienten treffen.

Im Royal Free Hospital im Londoner Stadtteil Hampstead liegt der 29-Jährige, der sich als freiwilliger Helfer in einem Krankenhaus in Sierra Leone angesteckt hat. Für Ebola gibt es derzeit kein zugelassenes Heilmittel, doch kann eine intensivmedizinische Betreuung die Genesungsaussichten deutlich erhöhen.

Die Behandlung mit ZMapp gilt als vielversprechend, es hat in den zurückliegenden Wochen jedoch auch Todesfälle bei Ebola-Patienten gegeben, die das Medikament erhalten hatten. Kein Mensch weiß, ob das Präparat einen echten Effekt hat. (APA, 26.8.2014)

Informationen und Spendenmöglichkeit:

Ebola-Informationen von Ärzte ohne Grenzen

Erste Bank AT43 2011 1289 2684 7600

Spendenzweck "Ebola"

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