Das Spiel gegen die Verwundbarkeit

Interview26. August 2014, 10:17
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Gut trainierte britische Soldaten brachten im Ersten Weltkrieg den Fußball ins Land und mit ihm ein neues Verständnis von Männlichkeit. Der französische Sporthistoriker Arnaud Waquet spricht im Interview über sportliche Leistungen im Schützengraben und den Krieg als interkulturelles Moment

Das Gedenken an den frühen Fußballförderer Charles Simon ist in Frankreich traditionell mit lautem Jubel verbunden – sein Name ist auf der Trophäe für den französischen Cupsieger eingraviert. Die kurze Würdigung seines Schaffens endet auf dem Pokal mit den Worten: „1915 auf dem Feld der Ehre gefallen.“ Trotz des berühmten Kriegsopfers ist der französische Fußball während des Ersten Weltkriegs kaum erforscht. Arnaud Waquet will das ändern. Mit dem Ballesterer spricht er über sein Forschungsprojekt.

Ballesterer: Welche Stellung hat der französische Fußball vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehabt?

Arnaud Waquet: Fußball war noch nicht besonders populär. In Frankreich gab es damals vier Sportverbände, die untereinander konkurrierten und unterschiedliche Sportarten vorantrieben. Mit dem Kriegsausbruch herrschte so eine Art Burgfrieden zwischen den Verbänden, nach dem Krieg kristallisierte sich die Union des Sociétés Françaises de Sports Athlétiques als führender Sportverband heraus. Ihr Zulauf war damals so groß, dass sie neue Untersektionen benötigte – so wurde 1919 auch der Fußballverband gegründet.

Der Krieg hat also die Popularität des Sports befördert?

Waquet: Ja, Fußball war zwar noch kein Massenphänomen, ist aber deutlich beliebter geworden. Man kann den Einfluss des Weltkriegs ganz einfach beschreiben: Die französische Bevölkerung und somit auch die Soldaten haben den Sport vorher kaum gekannt, und dank vier Millionen britischer Soldaten im Land hat sich das geändert. Es war das erste Mal, dass alle Männer des Landes, auch Arbeiter und Bauern, gemeinsam etwas gelernt haben. Der Krieg war ein interkultureller Moment, er hat die französische Sportkultur nachhaltig verändert.

Wie hat der Ligabetrieb während der Kriegsjahre funktioniert?

Waquet: Das war stark von der Organisation und der Verfügbarkeit der Spieler abhängig. Es ist noch nicht in nationalen, sondern regionalen Meisterschaften gespielt worden. Prinzipiell kann man sagen: Je wichtiger die Schlacht war, desto weniger ist Fußball gespielt worden. In den Jahren 1916 und 1917 war es für die französischen Soldaten vergleichsweise ruhig, da ist viel gespielt worden. 1915, als man den Krieg noch mit raschen Entscheidungsschlachten beenden wollte, und auch 1918, als noch einmal alle Kräfte mobilisiert worden sind, hatte der Fußball zu ruhen. Zudem war nahezu jeder Mann über 21 im Krieg.

Wie hat die Öffentlichkeit auf Fußballspiele in Kriegszeiten reagiert?

Waquet: Das ist schwer zu beantworten. Die wichtigste Sportzeitung des Landes L’Auto, die heutige L’Equipe, hat Fußbälle an die Front geschickt und zu Spenden für die Sportler aufgerufen. Bei den Spielen ist für karitative Zwecke gesammelt worden, das hat der Bevölkerung das Gefühl gegeben, den Soldaten zu helfen. Durch den langen Krieg war das auch ein Faktor, der die Popularität des Fußballs in der Bevölkerung steigen ließ.

Sind die französischen Fußballer und Sportler enthusiastisch in den Krieg gezogen?

Waquet: Nein, überhaupt nicht. Am Anfang vielleicht, weil ja jeder der Überzeugung war, dass es ein kurzes Abenteuer sein werde. Die Sportler haben eine neue Rolle bekommen. Plötzlich ist es darum gegangen, ihre körperlichen Fertigkeiten für den Krieg einzusetzen. Sie konnten zum Beispiel Granaten weiter werfen oder höhere Marsch- und Laufleistungen erbringen als andere Soldaten. Sie haben gewusst, dass im Schützengraben mehr von ihnen erwartet wird. Sportler haben auch mehr Auszeichnungen erhalten als der normale Soldat.

Welche Rolle hat da das Fußballspiel an der Front gespielt?

Waquet: In Frankreich war zuvor Turnen der militärische Sport Nummer eins gewesen, das hat sich im Lauf des Krieges verändert. Turnen war eine gute Methode, um Soldaten auf die Durchführung von Befehlen vorzubereiten und den Körper zu stählen. Der Erste Weltkrieg war aber ein neuer Krieg, in dem ein besser passendes Fitnessprogramm herangezogen werden musste. Die britischen Fußballer waren das Vorbild. Sie sind unglaublich fit in den Krieg gegangen, sie galten als der neue moderne Mann. Außerdem war Fußball der einfachste Weg, hinter der Frontlinie Sport zu betreiben. Am Ende des Kriegs war Fußball populärer als Rugby, obwohl auch dieser Sport einen Popularitätsschub erhalten hatte.

Wenn die britischen Soldaten als die neuen, modernen Männer galten – welche Auswirkung hatte das auf das Selbstbild französischer Männer?

Waquet: Vor dem Ersten Weltkrieg hat sich das Bild der Männlichkeit in Frankreich verändert. Die Dandys sind aufgekommen, das Männlichkeitsbild wurde feminisiert. Die Bärte wurden rasiert, es war nicht mehr notwendig, muskulös zu sein. Harte Arbeit war verpönt. Nach Kriegsausbruch herrschte in der Öffentlichkeit jedoch Skepsis, ob diese Männer das Land verteidigen könnten. Als dann auch noch die fitten britischen Soldaten ins Land gekommen sind, hat sich das Selbstwertgefühl der französischen Soldaten weiter verschlechtert. So ist der trainierte Körper schnell zur neuen Eigenschaft des modernen Mannes geworden. Das war auch ein Schutz gegen die Verwundbarkeiten, die der Krieg mit sich gebracht hat. Zum einen geht es dabei um die physische Verwundbarkeit. Gerade gegen die neuen Massenvernichtungswaffen, die eingesetzt wurden, war der menschliche Körper schutzlos. Das hat zur psychischen Verwundbarkeit geführt: Die Soldaten haben Todesangst gehabt. Wenn sie kurzfristig von der Front abgezogen wurden, wollten sie das Leben besonders genießen. Sie haben getrunken, sind ins Bordell gegangen – oder haben eben Fußball gespielt. Anders als das Turnen war der Fußball eine gemeinschaftliche Sache. Das hat die Kameradschaft gefördert, die Soldaten haben sich im Angesicht der Todesgefahr nicht mehr allein gefühlt. (Interview: Clemens Gröbner)

Arnaud Waquet (37) ist Sporthistoriker und unterrichtet an den Universitäten Lille und Lyon. Seine Fachbereiche sind Gender Studies, Kultur- und Sportgeschichte. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit Frankreichs Fußball im Ersten Weltkrieg.

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