Berufsheer im Gartenzwergformat

Kommentar25. August 2014, 18:02
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Das Militär braucht mehr Geld − aber das sollte in die Miliz fließen

Das Problem des österreichischen Bundesheeres ist seit seiner Gründung 1955, dass es ein getreuliches Abbild einer Großmachtarmee sein wollte. Im Gartenzwergformat. Also mit ganz wenigen Panzern, ganz wenigen Flugzeugen, ganz wenigen Kanonen. Aber mit einem großen Berufskader. Und mit Wehrpflichtigen, die man nach Gutdünken einsetzen kann: für Putzdienste in der Kaserne oder, wenn doch mal ein militärischer Ernstfall eintreten sollte, zum Auffüllen der Verbände mit Soldaten aus der Reserve.

1972 hat Bundeskanzler Bruno Kreisky dieses schon damals anachronistische System zu durchbrechen versucht: Das Bundesheer sollte in eine schlanke, gepanzerte Bereitschaftstruppe aus Berufssoldaten und eine mehrere 100.000 Mann starke Milizarmee gegliedert werden, die das gesamte Bundesgebiet im Ernstfall verteidigen sollte. Dies macht die Schweiz vor: Führungsaufgaben im Militär haben dort Manager aus der Wirtschaft, die im Zweitberuf Offiziere sind und sich für den Militärjob ständig weiterbilden. Unterführer und Mannschaften sind Profis aus der Industrie, die ihren militärischen Nebenberuf nach zahlreichen Milizübungen perfekt beherrschen.

Auch so ein Bedarfsheer kostet Geld. Nicht nur den Bundeshaushalt, sondern auch die Wirtschaft, die die Nebenberufssoldaten immer wieder freistellen muss. Aber es ist insgesamt wesentlich billiger als ein vergleichbar leistungsfähiges Präsenzheer.

In Österreich hat man das ohnehin nicht so ernst genommen wie auf dem Papier der Planer: Nie wurde das Budget für ein 300.000-Mann-Milizheer bereitgestellt, bei Fliegern und Panzern, bei Betriebskosten und zuletzt sogar bei den Uniformhemden hat man gespart. Und improvisiert.

Das hat zu seltsamen Auswüchsen geführt: Man hat das beste Kampfflugzeug der Welt gekauft − es aber heruntergerüstet, so dass es für Luftkampf oder gar Multi-Role unbrauchbar wurde. Man hat (dem Volkswillen entsprechend) die Wehrpflicht aufrechterhalten − bildet die Rekruten aber nicht für Kampfeinsätze aus und integriert sie schon gar nicht in das Milizsystem. Dann müssten sich die Berufsmilitärs nämlich zurücknehmen.

Was sie aber nicht tun. Nach wie vor werden in der Militärakademie dutzende Berufsoffiziere ausgebildet, aktuell bereiten sich elf Offiziere auf eine Generalstabskarriere vor − ganz so, als ob Österreich eine Großarmee hätte.

Hat es aber nicht. Eine eigenständig einsatzfähige Miliz gibt es ebenso wenig wie den Willen, diese mobilzumachen. Als letzte Woche wieder mal ein Hochwasser im Lungau auftrat, wurden 30 Berufssoldaten und 30 nicht fertig ausgebildete Rekruten zur Hilfe entsendet. Niemand käme auch nur auf die Idee, die Miliz aufzubieten. Reserve hat Ruh'. Aber Reserve ist nicht gleich Miliz. Da wird nämlich Begriffsverwirrung betrieben: In Sonntagsreden wird gelobt, wie wichtig die Rolle von Milizsoldaten in Auslandseinsätzen ist − dabei sind gerade dort keine Milizverbände tätig, sondern gekaderte Berufsverbände, in die einzelne Reservisten eingegliedert werden.

Das Bundesheer ist zum verbeamteten Berufsheer geworden, bei dem halt nebenbei Rekruten einberufen und wieder heimgeschickt werden, während das Berufskader alt und grau wird. Das System ist ineffizient und verschlingt vor allem Personalkosten. Ja, das Heer braucht mehr Geld. Aber das müsste in eine effektive Miliz fließen und nicht in die Systemerhaltung. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 25.8.2014)

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