Die Journalisten

Kolumne25. August 2014, 18:08
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In den letzten fünf Jahren haben die diversen Terrormilizen rund 150 Millionen Euro Lösegelder durch Entführungen kassiert

Bei den diversen Umfragen der Meinungsforscher über die Rangliste der Berufe nehmen die Journalisten im Allgemeinen einen der letzten Plätze ein. Der große italienische Journalist und Autor Luigi Barzini (1908- 1984) sagte einmal sarkastisch über die innenpolitische Landschaft seiner Heimat: "Im Vergleich zum Parlamentarismus wird selbst der Journalismus eine seriöse und respektable Sache." Der angesehene deutsche Autor Klaus Harpprecht hat seinen Berufsstand anders gesehen: Journalismus sei "der schönste, der schrecklichste aller Berufe ... mit der Lust am Wort, mit der Lust an der Beobachtung, mit dem Segen der unstillbaren Neugier". Journalismus biete "die Chance, viele Leben zu leben".

Das erzeugte für viele von uns Auslandskorrespondenten die Anziehungskraft bei der Berichterstattung über politische Krisen und militärische Interventionen in Mittel- und Südosteuropa. Die globale Kommunikationsrevolution, zuerst symbolisiert durch die permanente CNN-Berichterstattung, löste den Krieg der TV-Bilder aus, gefolgt von der unkontrollierbaren Welle von Videos über Youtube und verlinkt durch Twitter. Die Macht der Bilder, millionenfach verbreitet, hat bereits in den Jugoslawienkriegen 1991-1995 die öffentliche Meinung viel stärker als die Zeitungsberichte beeinflusst.

Mit der gefilmten, raffiniert inszenierten, bestialischen Enthauptung des Videoreporters James Foley (40) und der bereits angedrohten Hinrichtung seines ebenfalls seit Jahren entführten Kollegen Steven Sottlof (31, beide Amerikaner) haben die Terroristen der IS (" Islamischer Staat") nicht nur weltweite Empörung ausgelöst, sondern auch die enorme Gefährdung der im Nahen Osten tätigen Journalisten in Erinnerung gerufen. Von Jahr zu Jahr berichtet die verdienstvolle Institution "Reporter ohne Grenzen" über das Schicksal der verhafteten, entführten und umgebrachten Journalisten. Im Kampf um Sympathien von Irak und Syrien bis Afghanistan und Gaza tobt der Medienkrieg. Der Politologe Herfried Münkler spricht bereits von einem Wandel der Kriegsberichterstattung zum Berichterstattungskrieg.

Besonders gefährdet sind die sogenannten "Stringers", die freien, unterbezahlten und durch keine große Zeitung oder Rundfunkanstalt geschützten bzw. unterstützten Reporter. Die Terroristen der IS hatten von den Eltern Foleys 100 Millionen Euro Lösegeld gefordert. Foley, Sottlof und die anderen entführten Berichterstatter waren sich der enormen Gefahren bewusst. Kaum ein bekannter Kolumnist oder Kommentator der Weltblätter und der großen TV-Sender wagt sich noch in umkämpfte Regionen in Syrien, Libyen oder dem Nordirak. Es sind die mutigen, für mehrere Internetportale oder Zeitungen tätige Stringer, manchmal von einheimischen sprachkundigen Helfern begleitet, die über das geforderte Spezialwissen und das Informantennetz verfügen. Sie werden dann allerdings immer wieder verraten, entführt und umgebracht. In den letzten fünf Jahren haben die diversen Terrormilizen rund 150 Millionen Euro Lösegelder durch Entführungen kassiert. Ohne Stringer gibt es keine verlässlichen Informationen und Bilder. Sie sind und bleiben jedoch vogelfrei; leider auch für den Missbrauch durch die Terroristen im Internet. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 26.8.2014)

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