Anleitung zum Umdenken in Sachen Wohnbau

25. August 2014, 11:11
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Herausgeber Jörg Wippel zeigt in "Wohnbaukultur in Österreich" die zahlreichen Baustellen der heimischen Wohnbaupolitik auf

Die österreichische Wohnbaukultur ist international vorbildhaft und beispiellos; davon ist Jörg Wippel, Initiator der Alpbacher Baukulturgespräche, überzeugt. Weil sich aber seiner Meinung nach aus vielerlei Gründen - das mittlerweile völlig jeder praktischen Anwendbarkeit verlustig gegangene Wohnrecht ist nur einer davon - einiges ändern müsste, damit das auch für die Zukunft so bleiben kann, hat er einen Nachdenkprozess gestartet, über den in dem druckfrischen Werk Wohnbaukultur in Österreich ein erstes Fazit gezogen wird.

Mehr als 20 Expertinnen und Experten geben darin einen Überblick über die gegenwärtigen ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen des heimischen Wohnbaus. Die teure Zersiedelung wird ebenso analysiert wie die "jahrzehntelange Ausrichtung der Infrastrukturpolitik auf den ,Fetisch Auto'", wie Wippel und Forum-Alpbach-Präsident Franz Fischler im Vorwort schreiben. Auch ein Arbeitsbericht aus dem "Innovationslabor" ist enthalten.

"Zersiedelungs-Paradoxon"

Gerlind Weber, ehemalige Vorständin des Instituts für Raumplanung und ländliche Neuordnung an der Wiener Boku, beschreibt in ihrem Beitrag "Zersiedelung - Die verkannte Zukunftsbelastung" das sogenannte "Zersiedelungs-Paradoxon": "Gerade dort, wo die Bodenreserven bereits lokal bzw. regional sehr knapp sind, kommt es zu besonders flächenzehrenden Siedlungsentwicklungen." Weiters führt sie aus, dass die fortgesetzte Umwandlung von landwirtschaftlichem Boden in Siedlungs- und Verkehrsflächen "Triebkräfte für die Erderwärmung" seien, nicht zuletzt deshalb, weil der "Kohlenstoffspeicher Boden" immer weiter buchstäblich abgegraben wird. Sie schließt ihre Ausführungen mit der Prognose, dass die Frage, wo (statt: wie) künftig gebaut wird, sich immer drängender stellen wird.

Der bekannte Raumplaner und exponierte Zersiedelungs-Kritiker Reinhard Seiß weist in seinem Beitrag "Land der Häuser, folgenreich!" darauf hin, wo die Liebe der Österreicherinnen und Österreicher zum Einfamilienhaus her kommt - und wie sie immer weiter tradiert wird: "Hermann Maier lebt in den Werbespots seiner Bausparkasse nicht etwa in einer Reihenhausanlage, sondern im freistehenden Einfamilienhaus. Und in jedem Fernsehfilm wohnen die Guten, Schönen und Erfolgreichen im Cottageviertel, die Bösen, Verwahrlosten und Gescheiterten dagegen in der Großsiedlung." Dass es nicht die Aufgabe von Sportstars und Drehbuchautoren ist, "für eine Trendwende im heimischen Wohnbau zu sorgen", ist ihm natürlich klar; gefordert ist die Politik, die zumindest derzeit noch "kaum unterscheidet zwischen einem freistehenden Einfamilienhaus auf 1.000 Quadratmetern Grund, fernab jeglicher Infrastruktur, und einem Reihenhaus auf 250 Quadratmetern in zentraler Lage". Das Land Tirol sei hier "die einzige nennenswerte Ausnahme", so Seiß.

Herausforderung Wohnrecht

Weitere Beiträge in dem Buch drehen sich um Bevölkerungs- und Wohnungsbedarfsprognosen (Rainer Münz), Definitionen von "leistbarem Wohnen" (Andrea Kunner), den "Schauplatz Normungswesen" (Christian Aulinger), oder auch die Herausforderungen beim Wohnrecht aus Vermietersicht (Anton Holzapfel, Udo Weinberger) und Mietersicht (Michaela Schinnagl, Martin Schmid).

Wippel und Fischler wollen mit dem lesenswerten Buch "alle Akteure im österreichischen Wohnbaugeschehen zu mutigem, zukunfts- und damit verantwortungsbewusstem Handeln" ermuntern. Möge es ihnen gelingen. (mapu, derStandard.at, 25.8.2014)

  • Jörg Wippel (Hg.): "Wohnbaukultur in Österreich. Geschichte und Perspektiven", Studienverlag, Innsbruck 2014, 21,90 Euro
    cover: studienverlag

    Jörg Wippel (Hg.): "Wohnbaukultur in Österreich. Geschichte und Perspektiven", Studienverlag, Innsbruck 2014, 21,90 Euro

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