Wenn die Maschine sagt, was zu tun ist

25. August 2014, 07:29
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Mit dem Stück "Golem" der Londoner Gruppe "1927" ging das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele zu Ende

Salzburg - Die Arbeiten der Londoner Theatergruppe "1927" sind Aufbegehrensstücke für Freunde des Naiven. Mit bildmächtigen, verspielten Verschnitten aus Animationsfilm und Schauspiel zieht die 2005 von Regisseurin und Autorin Suzanne Andrade und Trickzeichner Paul Barritt gegründete Company um die Welt.

In den handwerklich perfekten Shows steigen Bühnendarsteller keck aus Leinwandprojektion heraus und erzeugen in der Überschneidung dieser zwei Realitätsebenen raffinierte Bildkompositionen. Zwei Schauspieler trinken projizierte Absinth-Bottiche durch reales An-den-Halmen-Saugen leer. Oder: Der Rauch einer echten Zigarette steigt als bloß projizierter blauer Dunst in die Höhe.

Im Vorjahr gab die Gruppe ihr Salzburg-Debüt noch im Rahmen des Regienachwuchswettbewerbs der Festspiele, heuer beschloss sie mit "Golem" das Hauptprogramm im Landestheater: einem Abend, der formal wieder glänzte, inhaltlich aber unterforderte.

Skizzierte die Erfolgsproduktion The Animals and Children Took to the Streets noch einen vielschichtigen und nachhaltigen, auch ermutigenden Befreiungsschlag in einem fiktiven Armenviertel unserer Welt, so stand am Ende von Golem eine allzu eindimensionale Moral: Wir dürfen uns von den bösen Maschinen nicht beherrschen lassen.

Eine Weisheit, die im postindustriellen Zeitalter vor allem durch den Stellenwert intelligenter Technologien und der damit verbundenen Alltagsgeräte neue Relevanz erfährt. So wie in der jüdischen Legende der Golem ein aus Lehm geformter Mensch mit Befehlsempfänger-Fähigkeiten ist, so steht hier der animierte Lehm-Golem auf der (bis auf eine Leinwand) leeren Bühne eins zu eins für ein zweifelhaftes Servicegerät unserer Gegenwart. Man nenne es Smartphone oder Tablet. Mit Gustav Meyrinks Golem-Roman (1915) und dessen Traum einer Identitätsanwandlung hat das nicht mehr viel zu tun.

In Salzburg ist ein junger Mann namens Robert Robertson Protagonist, ein namentlich gekennzeichnetes und auswechselbares Durchschnittsgeschöpf, das in einer Datensicherungsabteilung arbeitet und sich dort mittels Golem mehr zufällig denn geplant einen sozialen Aufstieg bahnt. Sein Golem-Gadget ist ein mit ihm auf der Leinwand über kunterbunte Straßenzüge mitstolperndes Lehmmännchen, das friedlich aussieht, bald sprechen kann und in den upgedateten Versionen 2 und 3 alsbald einen ungemütlichen Befehlston anschlägt.

Die patinierten, animierten Bühnenillustrationen zeigen Roberts putziges Zuhause bei Oma und Schwester, führen in eine schummrige Bar namens Pig & Pistoleer und auch zum Golem-Erzeuger Phil Sylocate, einem Mark Zuckerberg unserer Tage, der stets das Gute will.

Die dafür verwendeten Zeichnungen und grafischen Elemente von Paul Barritt imaginieren eine Welt von gestern: Schriftzüge aus schillernden Varieté-Zeiten, kubistische Formen und geometrische Figuren, die an Oskar Schlemmers Bühnenbilder erinnern. Kein Wunder: Beruft sich die Gruppe durch ihren Namen ("1927") doch auf die 1920er-Jahre, als dem Film, der dieses Theater wesentlich mitbestimmt, als Kunstgattung erstmals größere Bedeutung zukam.

Ähnlich wie bei Katie Mitchells Videotheater auf der Perner-Insel (The Forbidden Zone) ist das technische Konzept zwar bemerkenswert, enttäuscht aber inhaltlich. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 25.8.2014)

Nochmals am 26.8.

  • Brautschau mit modernen Mitteln: Der Golem-gestützte Protagonist Robert sucht sich eine hübsche Freundin aus.
    foto: bernhard müller

    Brautschau mit modernen Mitteln: Der Golem-gestützte Protagonist Robert sucht sich eine hübsche Freundin aus.

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