Vom Sommer, der kein Sommer mehr ist

Kopf des Tages24. August 2014, 18:36
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Regenschirm im August: Wo bleiben die Hundstage?

Das Tief, das uns derzeit frösteln macht, trägt den Namen Wilma. Angesichts des wenig sommerlichen Wetters, das zu Tagen auf der Couch anstatt im Freibad einlädt, weckt das bei manchem Fernseh- oder Filmreminiszenzen.

"Wilmaaahh!", ertönte der Hilferuf des steinzeitlichen Comic-Helden Fred Feuerstein an seine Ehefrau in der Kultserie The Flintstones sowie in deren 1994er-Verfilmung. Und zwar immer dann, wenn er sich in eine Bredouille manövriert hatte (in der heimische und adriatische Badeurlaub-Anbieter mangels Sommers zurzeit völlig schuldlos stecken).

Der bange Wilma-Schrei stammt aus den 1960er- und 1970er-Jahren: einer Periode, in der, wenn schon sicher nicht die Welt, so doch die Jahreszeiten in Ordnung zu sein schienen. Zumindest in der Erinnerung, die Sommer mit richtig heißen Tagen auferstehen lässt - aber nicht sofort so schwül wie heutzutage, wenn die Temperaturen über die 30-Grad-Grenze klettern. Die an Frühling und Herbst ohne deplatzierte Hundstage gemahnt - aber auch ohne überfallsartige Polarluft-Einbrüche im Hochsommer wie derzeit. Auch seien Frühling und Herbst damals wettermäßig vom Sommer klar zu unterscheiden gewesen seien, als Jahreszeiten an sich, im Kant'schen Sinne.

An dieser Stelle kommen die Gespräche pulloverbewehrter Zeitgenossen über den heuer offenbar vorzeitig abgetretenen Sommer meist auf den Klimawandel zu sprechen. Diesem sei es anzulasten, dass der Sommer, so wie alle Jahreszeiten überhaupt, zu unberechenbaren Aufeinanderfolgen meist unleidlicher Wettereignisse mutiert sei - heuer mit Temperaturstürzen um 15 Grad im August und mit dem fast schon gewohnten sturzbachähnlichen Regen.

Klimatologen kontern mit dem Hinweis auf die zur Feststellung klimatischer Verschiebungen notwendigen langen Zeiträume. Sie weisen auf andere verregnete Sommer hin. Der Klimawandel, so betonen sie, sei nicht an einzelnen Wetterereignissen festzustellen, sondern an einer statistischen Zunahme von Extremen.

Frustrierten August-Urlaubern und anderen wetterfühligen Menschen hilft das nicht weiter. Ihnen bleibt derzeit nur, sich am Regenschirm festzuhalten und die Oktobertemperaturen als Ausgleich für Extreme wie zum Beispiel im Vorjahr zu sehen. Da folgten aufeinander von Mai bis September gleich mehrere Hitzewellen mit über 40 Grad: ein wirklich aufdringlicher Sommer. (Irene Brickner, DER STANDARD, 25.8.2014)

  • Der diesjährige Sommer lässt viele im Regen stehen
    matthias cremer

    Der diesjährige Sommer lässt viele im Regen stehen

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