Elbow in Wien: Einen Toast auf alte Ehepaare

24. August 2014, 16:58
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Die späte Wien-Premiere der britischen Band wurde zum Heimspiel in der Fremde, zu einem feinsinnigen Kirtag mit etwas Narkose

Wien - Es war ein wenig wie bei alten Ehepaaren. Von denen heißt es ja, sie müssten gar nicht miteinander reden, um zu kommunizieren. Ein Blick würde reichen, um Verständnis herzustellen. Im Konzert von Elbow in der Wiener Arena brauchte es am Wochenende oft nur einen Ton, um den Saal in Verzückung zu versetzen.

Und da hing der Vergleich mit den alten Ehepaaren schon, denn Elbow sind keine Band, die einmal im Jahr vorbeischaut. Ja, wenn das Resthirn die Chronik der Ereignisse halbwegs im Griff hat, waren Elbow überhaupt erst zweimal hierzulande zu erleben, 2006 beim Nova Rock, kein Witz, und 2011 beim FM4 Frequency, ein Witz. So betrachtet könnte man beim Arenakonzert von einer Premiere unter regulären Bedingungen sprechen.

Jedenfalls handelte es sich um ein Heimspiel in der Fremde. Schon der Auftritt der Band wurde von einem Applaus begleitet, denn andere nicht beim Abgang empfangen. Und so wie Sänger Guy Garvey grüßte, signalisierte er: Ich bin einer von euch. Mit hoch erhobenem Bierbecher und einem Prösterchen ging's los.

Und zwar mit dem Lied Charge des aktuellen Albums The Take Off and Landing of Everything der aus Nordengland stammenden Formation. Das ist so ein Elbow-typischer Schleicher, der mit sanft bohrendem Synthesizer charmiert.

Sogwirkung

Garvey, Typ singender Metzgersbursche mit Hunger und Durst, streckte dazu die Arme in den Raum wie eine Stewardess beim Beschreiben der Notausgänge. Einerseits. Andererseits gestikulierte er wie ein Missionar, dem seine Botschaft Herzensangelegenheit ist und nicht Geschäft. Ja, der ist sympathisch. Sein Missionieren erzeugte in Liedern wie The Bones of You Sogwirkung, die Wechselwirkung von filigranen Rhythmen, gut bedienten Tiefen und lieblichem Chorgesang der beiden Streicherinnen im Hintergrund - "real musicians!" - führte zu früher Ekstase im Saal.

Die Band pudelte sich wohl, ihr Sprecher führte Schmäh, und die Band zog die Schrauben behände an. Denn Elbow-Musik funktioniert nicht über Hits, sie definiert sich über ganze Alben, in die man eintauchen kann wie in dicke Bücher. Und wie dicke Bücher können Elbow-Alben ihre Längen haben.

Die stellten sich im Konzert ein. Der Sportreporter würde sagen, dass Elbow nach einer guten ersten Halbzeit ein wenig nachließen. Diese Zeit verbrachten sie mit Songs, deren Tonsetzerkunst zwar erhaben sein mag, doch in ihrer Wirkung glich sie dem Tun kunstsinniger Anästhesisten.

Garvey rang ein bisschen zu sehr nach Halt in der Luft, die Hemden der Rhythmusabteilung trockneten, statt weiter zu triefen, die Luft war zwar heiß, aber die Atmosphäre nicht gerade elektrisierend. Aber wer gekommen war, um sich geschlossenen Auges in der Masse zu wiegen, kam auf seine Rechnung. Wie das geht, dieses Wiegen, das machte Garvey von der Bühne aus vor wie ein Bewegungsanimator für alte Leute auf Cluburlaub.

Zeit, mit dem Barkeeper die Weltlage zu besprechen und das Ohr nur für die launigen Zwischenansagen in den Saal zu hängen. Zeit, sich zu fragen, warum man heute auf das Stützmieder verzichtet hatte, denn ja, da war es ein bisserl fad, so Pink-Floydisch öd, nur nicht ganz so gebläht. Aber Schönheit ist ja oft ein bisserl fad. Denken Sie an ein Supermodel Ihrer Wahl und daran, worüber Sie mit ihm sprechen möchten.

Durchs Dach

Doch die längste Weile endet irgendwann, bei Elbow mit Grounds for Divorce. Einem Monster von einem Song, der wie ein modernes Chain-Gang-Lied klingt, seinen Rhythmus bei diesem Fach leiht, um durchs Dach zu gehen.

Das und die Zugaben betörten. Man erfreute sich wieder an der Kunst, fühlte sich von denen da oben trotz einiger Geschmacksunterschiede grundsätzlich gut verstanden und gemocht. So wie das eben ist bei alten Paaren. (Karl Fluch, DER STANDARD, 25.8.2014)

  • Guy Garvey sucht Halt im Raum. Der Sänger von Elbow erwies sich beim Konzert in der Wiener Arena als toller Entertainer, allein die Publikumsanimation hat er ein wenig übertrieben.
    foto: fischer

    Guy Garvey sucht Halt im Raum. Der Sänger von Elbow erwies sich beim Konzert in der Wiener Arena als toller Entertainer, allein die Publikumsanimation hat er ein wenig übertrieben.

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