Von Golems und Anomalien

Kolumne22. August 2014, 17:04
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Ein Fehler in der Matrix

Für Golems habe ich eine Schwäche. Sie könnten geballter durch die Literaturlandschaft ziehen. Auch auf der Leinwand wäre Ausbaupotenzial. Viel zu schade, diesen so vielschichtig interpretierbaren, wunderbaren Geschöpfen nur einen mickrigen Auslaufstall im Rahmen von Computergames einzuräumen. Das widerspricht der artgerechten Golemhaltung.

Es gibt eigentlich nur einen Ort, an den sie sich besser nie verirren sollten. Dieser Ort ist die Politik. Im Sommergespräch mit Karin Nachbaur korrigierte diese ihren Gesundheitssprecher: Homosexuelle seien keine genetische Anomalie - sondern eine mathematische. Hurra! Doch keine Mutanten. Sondern nur stinknormale Anomale.

Allerdings: Gerade diese Anomalie war in "Matrix" Vorbotin gröberer Schwierigkeiten. Keine Adoption, solange die Studien fehlten, die die Gleichwertigkeit der Anomalen belegen sollen - so Nachbaur. Nun, solche Studien gibt es. Wenn das Team Stronach sich hätte informieren wollen, wäre reichlich Gelegenheit vorhanden gewesen. Aber auch anderntags, in Social-Media-Kanälen, pochte das TS noch auf jene Nichtexistenz der Studien.

Und auf Nachhaken landete die Diskussion schnell bei künstlicher Befruchtung und, an Rasanz zulegend, auch bei Kreaturen, die dabei entstehen könnten: Das TS befürchtete offensichtlich "Brave New World", Designerbabys, Samenshop, schlicht einen ganzen SF-Genre-Mix mit einem Schuss Horror und als abschließende Krönung Golems.

Solche Zustände stünden "ante portas". Diese Visualisierung muss man sich am Auge zergehen lassen: künstlich empfangene, von mathematisch Anomalen zur Adoption begehrte Golemhorden vor der Tür. "Brave New World" trifft Mittelalter. Golems als Designerbabys: Das ist die wahre Quadratur des Kreises. Hier wird zeitmaschinenkunstfertig Moderne und Tradition in Steampunk gegossen.

Als prominente Quereinsteigerin fürs TS scheint es nur eine passende Kandidatin zu geben: Sybille Lewitscharoff, die mit einer Art Homunculus-Vergleich ("zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas" ) zum Thema In-vitro-Fertilisation homosexueller Frauen bereits zuvor für Furore sorgte.

Im Hebräischen bedeutet "Golem" auch "Embryo". Oder "Ungeformtes". Oder: "ungebildete Person". Viele Fragen, die dazu auftauchen. Zu viele. Dass ausgerechnet der Golem der Mythologie kein Bewusstsein besitzt und seinem Herrn und Meister willenlos ausgeliefert ist, könnte teamtechnisch aus tiefenpsychologischer Betrachtung spannend sein. Das Programm verspricht jedenfalls großes Kino. Da kann "Transformers" einpacken. Und "Alien" sowieso. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 23./24.8.2014)

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