Google Glass hat so keine Zukunft

24. August 2014, 09:52
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Der Hype verflacht, die Kontroverse dominiert - Erst die umstrittensten Möglichkeiten könnten das wieder ändern

Es war zweifellos eines der beeindruckendsten Tech-Demos der letzten Jahre: Im Juni 2012 begeisterte Google-Gründer Sergey Brin mit einer Präsentation, die wohl kaum riskanter gewählt werden hätte können. Gleich mehrere Google-Mitarbeiter sprangen anlässlich der Keynote zur Google I/O aus einem Zeppelin, der über dem Konferenzzentrum in San Francisco kreiste, um ihren Flug live per Google Glass in die weite Welt zu streamen.

Hype-Phase

Dies brachte nicht nur Brin Standing Ovations ein, der Google-Glass-Hype war ebenfalls voll entfacht. Die Branchenbeobachter schienen sich einig zu sein: Die Datenbrille ist die Zukunft des mobilen Computings. Sprachsteuerung, die Darstellung von kontextrelevanten Informationen direkt im Blickfeld, alles Dinge, die direkt aus der Zukunft zu kommen schienen.

google developers

Zwei Jahre später ist davon wenig übrig. Auf der Google I/O 2014 spielte Glass nur mehr eine Nebenrolle, im Bereich Wearables hat Android Wear die Regie bei Google übernommen. Doch was war geschehen?

Backlash

Nennen wir es schlicht: Google Glass trifft Realität. Der Veröffentlichung der nicht für die breite Öffentlichkeit gedachten “Explorer Edition” folgte ein veritabler Backlash. Die technikbegeisterte Community musste feststellen, dass die weitere Öffentlichkeit nicht gar so durchgängig positiv auf Glass reagierte, wie man sich erhofft hatte. Zu durchaus vielen interessierten Fragen gesellte sich zum Teil auch offene Ablehnung. Der Begriff "Glasshole" wurde geprägt, in Internetforen überboten sich so manche Poster in Gewaltandrohungen gegen Glass-Träger - in Einzelfällen wurden diese gar in die Realität umgesetzt.

Irrational

Das ständige Tragen einer Kamera im Blickfeld, die Kombination von Technologie mit dem menschlichen Körper, beides sorgt für Verunsicherung. Da nutzt es wenig, zu betonen, dass diese Ängste reichlich irrational seien. Ja: Glass kann als "Spionage"-Tool nichts, was nicht auf anderem Wege unauffälliger bewerkstelligt werden kann. Wer verdeckt filmen will, ist mit einer Knopflochkamera besser bedient als mit einem äußerst auffälligen Gadget wie Google Glass. Wenn Glass aufnimmt, ist dies zumindest aus der Nähe sichtbar, die sehr begrenzte Akkulaufzeit lässt Daueraufnahmen gar nicht zu. Und doch: Das Unbehagen bleibt selbst bei vielen, die all das wissen, bestehen.

foto: andreas proschofsky / derstandard.at

Google versucht diesem Problem mit gezielten Einschränkungen zu begegnen: In den offiziellen "Developer Policies" wird die Entwicklung von “Glassware”, die Gesichtserkennung nutzt, offiziell untersagt. Auch die Entwicklung von Augmented Reality Apps ist durch Hard- und Software derzeit stark beschränkt. Eine verständliche Reaktion - und doch eine, die Glass seiner spannendsten Möglichkeiten beraubt.

Interne Konkurrenz

Bleiben damit doch vornehmlich jene Anwendungsgebiete offen, die auch durch Android Wear abgedeckt werden: Die Integration mit Google Now, die flinke Darstellung aktueller Benachrichtigungen, die Möglichkeit Sprachsuchen vorzunehmen - all das geht auch mit einer Smartwatch, und somit mit einem Gerät, das von anderen nicht als Einbruch in ihre Privatsphäre wahrgenommen wird.

Potenzial

Das wahre Potenzial von Devices wie Google Glass liegt aber jenseits dieser Kernaufgaben: in der Anreicherung der eigenen Sehfelds mit digitalen Informationen. In der automatischen Übersetzung, als Lieferant für Metainformationen über gerade betrachtete Gebäude und Objekte, als Hilfestellung für Personen mit Sehbeeinträchtigungen. Kurz: in der Augmented Reality.

foto: andreas proschofsky / derstandard.at

Solange dieses Potenzial nicht freigelegt wird, sind die Erfolgsaussichten von Glass gering. Wer trägt schon gern ein Device, um sich dann regelmäßig öffentlich dafür beschimpfen zu lassen, wenn er dessen Funktionen auch weniger konfliktreich bekommen kann? Und noch dazu deutlich billiger.

Fokus

Dies ist natürlich auch Google bewusst. Dass es trotz anderslautender Versprechungen bis heute keine Version von Glass für den Consumermarkt gibt, dürfte wohl kein Zufall sein. Zudem scheint sich Google für Glass zunehmend auf den Einsatz im Unternehmensbereich zu konzentrieren. So hat etwa erst vor kurzem General Motors Interesse an einem Einsatz in der Autofertigung angemeldet. Auch im medizinischen Bereich wird Glass immer wieder getestet.

Spielregeln

Das bedeutet freilich nicht, das Glass oder verwandte Technologien wieder in der Versenkung verschwinden werden. Ganz im Gegenteil: Augmented Reality wird in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Die Frage ist bloß, unter welchen Vorzeichen: Jetzt läge es an einer interessierten Öffentlichkeit, die Spielregeln dafür festzulegen. Also anstatt sich in Hass oder blinder Begeisterung zu ergehen, darüber zu diskutieren, wie mit solch neuen Technologien umzugehen ist. Wie ein verantwortungsvoller Umgang auszusehen hat. Denn wie immer gilt hier: Technologie ist nicht per se gut oder böse, es ist nur die Frage, wie wir sie nutzen (wollen).

foto: andreas proschofsky / derstandard.at

Angesichts frühere Erfahrungen ist allerdings zu befürchten, dass solch eine öffentliche Diskussion nicht stattfinden wird. Ob die Omnipräsenz von Überwachungskameras, das ständige Filmen und Fotografieren im öffentlichen Raum und das Verbreiten dabei gemachter Aufnahmen über Social Media - all dies hätte noch vor einigen Jahren als inakzeptabler Einbruch in die Privatsphäre gegolten und hat sich mittlerweile längst in den Alltag eingeschlichen.

Ausblick

Und so wird es dann wohl auch bei “Datenbrillen” oder anderen Formen privater Augmented Reality sein: Die Miniaturisierung wird voranschreiten, die Hersteller werden Wege finden, Datenbrillen (oder Nachfolgetechnologien) so unauffällig zu gestalten, dass sie kaum mehr zu erkennen sind, womit die Irritierung des Gegenübers wegfällt. In ein paar Jahren sollte damit der Weg zum Erfolg frei sein. Und zwar egal, ob die Gesellschaft die notwendigen Spielregeln ausverhandelt hat - oder eben auch nicht. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 24.8.2014)

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