"Aus dem Herzen geschnitzt"

Interview24. August 2014, 09:00
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Was bleibt am Ende von all unseren Erfahrungen und Erlebnissen? "Ich weiß es nicht. Wir haben nur dieses eine Leben. Daher ist jedes Leben ein ganzes Leben." Der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler im Gespräch

Robert Seethaler ist eine bemerkenswerte Stimme in der österreichischen Gegenwartsliteratur. Seine Romane sind Meisterwerke der Sprache und Erzählkunst. In seinem Roman Ein ganzes Leben (Hanser, Berlin 2014, als Hörbuch, gelesen von Ulrich Matthes, bei tacheles! / Roof Music) erzählt er auf berührende Weise von einem schlichten Leben im Gebirge.

STANDARD: Herr Seethaler, was bewegt Sie an solch einem harten ländlichen Leben, dem Sie Ihren Protagonisten Andreas Egger in Ihrem Roman aussetzen?

Robert Seethaler: Es ist, als ob alle Nebensächlichkeiten weggeraspelt sind. Übrig bleibt nur das Leben, das Überleben, das pure Sein. Und das ist es, was mich interessiert. Man kann den Menschen besser betrachten, wenn der ganze Tand und Glitter weg ist.

STANDARD: Eignet sich das ländliche Umfeld besonders für die Literatur?

Seethaler: Das glaube ich nicht. Das Land mag archaisch und pur rüberkommen mit seinen Bergen. Aber es besteht auch immer die Gefahr, das Landleben zu romantisieren. Da taucht dann diese Sehnsucht nach Einfachheit auf. Ich kenne viele großartige Schriftsteller, die in der Stadt schreiben. Es ist egal, wo man wohnt. Die Provinz ist keine Gegend, sondern eine Erfahrung.

STANDARD: In Ihren vorhergehenden Romanen brachen die jungen Menschen aus der Enge der Provinz in ein neues städtisches Leben auf. Egger hingegen verbringt sein ganzes Leben auf dem Land ...

Seethaler: Man kann nicht immer aufbrechen. Irgendwann bleibt jeder, und sei es im Tod. Vielleicht ist dieser Roman auch weiter gedacht oder weiter fantasiert. Ich bin älter geworden und habe andere Erfahrungen gemacht. Die nehme ich mit in mein Schreiben.

STANDARD: Das chronologische Erzählen, das Ihre Romane kennzeichnet, wurde bereits mehrfach totgesagt. Mit der Kohärenz der Welt sei auch die Kompetenz des Erzählens verlorengegangen ...

Seethaler: Beim Schreiben sollte man sich um solche Überlegungen nicht kümmern. Wenn ich in meinem Leben etwas verinnerlicht habe, dann das Credo "Folge deinem Interesse!". Das ist kein bewusster Vorgang. Es passiert einfach. Ich kann nur den Bildern folgen und jene aufschreiben, die in meinem Inneren auftauchen.

STANDARD: Der Roman ist voller sehr eindrücklicher Bilder. Wollen Sie diese Bilder auch metaphorisch verstanden wissen?

Seethaler: Wer möchte, kann sie als Metaphern begreifen. Aber wofür stehen sie dann? Nur wieder für andere Bilder. Ich denke, diese Bilder stehen für sich selbst: Eine Lawine ist eine Lawine. Und ein Leben, so wie es gelebt wird, ist ein Leben.

STANDARD: "Ein ganzes Leben" lautet der Titel Ihres Romans. Ist diese Betonung der Ganzheit ein Hinweis darauf, dass jemand tatsächlich sein Leben vollendet hat?

Seethaler: Für mich ist das Leben des Andreas Egger eines, dem nichts fehlt. Und darum geht es mir. Natürlich fehlt diesem Leben sehr viel, vielleicht sogar alles, was man gemeinhin unter einem gelungenen Leben versteht. Aber was bleibt am Ende von allen Erlebnissen und Erfahrungen? Ich weiß es nicht. Wir haben nur dieses eine Leben. Daher ist jedes Leben ein ganzes.

STANDARD: "Für seine Begriffe jedoch hatte er es irgendwie geschafft und dementsprechend allen Grund, zufrieden zu sein", heißt es gegen Ende Ihres Romans. Ist das Leben etwas, das "geschafft" werden muss?

Seethaler: Ich glaube schon. So sehr immer von Loslassen und Durchziehen die Rede ist, muss man doch Verschiedenes schaffen wie etwa das Aufziehen der Kinder oder die Begleitung der Eltern bei ihrem Sterben. Wenn man das "geschafft" hat, kann man mit einer gewissen Zufriedenheit endgültig loslassen.

STANDARD: "Sonst ist kaum etwas los", liest man in einer Rezension Ihrer Romane. Und genau diese großen ruhigen Momente zeichnen auch diesen Roman aus ...

Seethaler: Das sehe ich nicht so. Der Andreas Egger ist mit Schmerz, Freude, Sehnsucht, Liebe und Verlust und schließlich dem Tod konfrontiert. Mehr kann gar nicht los sein in einem Leben.

STANDARD: "Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde." Diese Verlorenheit erscheint mir besonders traurig ...

Seethaler: Ich empfinde das auch so. Das Leben ist ein Windhauch, ein kurz aufglimmender Lichtstrahl am Nachthimmel. Das ist traurig, aber es ist so.

STANDARD: Den historischen Hintergrund skizzieren Sie sehr sparsam. Ihr Roman setzt 1933 ein und endet 1977 mit den letzten Lebensmonaten Andreas Eggers. Wie weit dringt das politische Geschehen zu den Menschen im Gebirge vor?

Seethaler: Das ist keine räumliche Frage, sondern eine zeitliche. Heute dringt das Weltgeschehen in jede Ecke unseres Wohnzimmers. In der Vergangenheit geschah dies mit großer Zeitverzögerung, zumal in abgelegenen Tälern. Der braune Sumpf aber wurde in jedes Tal hineingeschwemmt. Den hat auch der Egger miterlebt. Für den Ersten Weltkrieg war er zu jung. Er wurde zwar einberufen, aber der Bauer wollte ihn als Arbeitskraft behalten.

STANDARD: "Der Mann vollzieht Gottes Wille und er spricht Gottes Wort", lautet einer der Sätze, mit denen Sie die Weltsicht dieses Großbauern darstellen. Ist es die Kirche, die das Denken der Menschen auf dem Land bestimmt?

Seethaler: Es kann sein, dass es einen prägt, in so einer Bergwelt zu leben, die ich beschreibe. Aber es muss nicht zwingend mit dem Land oder der Stadt zu tun haben. Ich lebe in Berlin. Das nahe Brandenburg zum Beispiel ist zutiefst unreligiös, während in manchen Tiroler Bergdörfern der Gottesglaube noch tief verwurzelt ist.

STANDARD: Andreas Egger bewahren Sie vor diesem religiösen Einfluss. Sie mögen ihn sehr, oder?

Seethaler: Diese Figur habe ich mir aus dem Herzen geschnitzt. Ich mag den Andreas Egger sehr. Es kann sein, dass ich ihn insgeheim vor dem Religiösen bewahre. Einmal sitzt er an der Schwelle der Kirche. Aber das Schöne an ihm ist, dass er immer versucht, Hilfe in sich selbst zu finden, seinem Tun und seinem Erleben. Er ist ganz bei sich, wenn man es pathetisch ausdrücken will.

STANDARD: Hatten Sie ein Vorbild für die Figur?

Seethaler: Nein, das ist kein real existierender Mensch.

STANDARD: In vielen Situationen verhält er sich, wie man sich gerne verhalten würde. Er schreit nicht, wenn er geschlagen wird. Er hält seiner Liebe über den Tod hinaus die Treue. Er fällt auch im Alter niemandem zur Last. Haben Sie mit ihm ein Idealbild entworfen?

Seethaler: Idealbilder sind dafür da, um sie von der Wand oder vom Sockel zu reißen. Meist enttäuschen sie auch. Man sollte sich möglichst wenige Ideale vornehmen, und wenn man unbedingt eines braucht, sollte man sich sein eigenes Ideal vom Leben schaffen. Egger schweigt und hält viel aus. Aber das ist nicht unbedingt immer erstrebenswert. Er hätte auch ein anderes Leben führen können. Ich stelle mich diesem Leben möglichst wertfrei und versuche, etwas Licht darauf zu werfen. Es ist sein Leben, und es ist, wie es ist. Aber es ist kein ideales Leben, und der Egger ist keine Idealfigur.

STANDARD: Bevor Sie sich ganz dem Schreiben widmeten, waren Sie Schauspieler. Hat das für Ihr Schreiben heute eine Bedeutung?

Seethaler: Man kann es nicht verleugnen. Aber das Schreiben ist eher eine Verinnerlichung. Beim Schauspielern dagegen muss man veräußerlichen, vergrößern, sichtbar machen. Das war nie meine Stärke.

STANDARD: Sie bezeichneten die Literatur einmal als "die wahre Befreiung". Haben Sie mit dem Schreiben Ihr Glück gefunden?

Seethaler: Nicht unbedingt das Glück. Aber zumindest eine wiederkehrende Zufriedenheit. Es ist schön, eigene Welten zu schaffen.

STANDARD: Wie hat die literarische Szene in Berlin Sie aufgenommen, als Sie kamen?

Seethaler: Ich kenne sie nicht. Ich gehöre keinen Kreisen oder Gesellschaften an. Eigentlich will ich nicht einmal Schriftsteller sein oder ein öffentliches Schriftstellerleben führen. Ich will nur die Bilder aufschreiben, die ich sehe.

STANDARD: Und welche weiteren Bilder werden Sie aufschreiben?

Seethaler: Das ist eine unangenehme Frage. Ich habe letzthin darüber nachgedacht. Gewöhnlich erwidert man darauf, man sei leer. Aber das bin ich nicht. Im Gegenteil, ich fühle mich zu voll. Ich müsste meine Seele entleeren, um sie wieder mit Energie füllen zu können und etwas Neues zu schreiben. (Ruth Renée Reif, Album, DER STANDARD, 23./24.8.2014)

Robert Seethaler, geb. 1966 in Wien, ist vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. 2006 debütierte er mit "Die Biene und der Kurt". Es folgten die Romane "Die weiteren Aussichten" (2008), "Jetzt wird's ernst" (2010), "Der Trafikant" (2012) und "Ein ganzes Leben" (Berlin 2014). Er lebt in Wien und Berlin.

  • "Ich gehöre keinen Kreisen oder Gesellschaften an. Eigentlich will ich nicht einmal Schriftsteller sein": Robert Seethaler.
    foto: urban zintel

    "Ich gehöre keinen Kreisen oder Gesellschaften an. Eigentlich will ich nicht einmal Schriftsteller sein": Robert Seethaler.

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