Die Flöhe in Francos Filz: Auf den Spuren der Movida madrileña

24. August 2014, 15:02
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Nach dem Ende der spanischen Diktatur im Jahr 1975 holten junge Madrilenen mit der Movida die wilden Sechziger nach. Ein Spaziergang auf den Spuren der Kulturbewegung führt zum früheren Büro von Pedro Almodóvar

El Rastro an einem Sonntagmorgen. Bereits um neun Uhr früh ist Madrids bekanntester Flohmarkt voller Menschen. Ein paar Metrostationen südlich der Plaza Mayor wurden Straßen gesperrt, Gehsteige dienen als Verkaufsfläche für alte Dinge. Einen Kilometer lang reihen sich Stände mit T-Shirts, Souvenirs und Handwerkskitsch an der Plaza Cascorro aneinander. Spanier und Touristen wackeln an Buden vorbei, wo es nichts zu kaufen gibt, was es nicht anderswo auch gäbe.

foto: reuters/javier barbancho
El Rastro ist wieder der beschauliche Flohmarkt, der er bis zum Beginn der Movida madrileña war. Verkauft werden heute Stickdecken statt Lederjacken.

Wie anders muss dieser Markt doch Ende der 1970er-Jahre gewesen sein! Da trafen sich schrille Gestalten in schwarzen Lederjacken, die Haare zu asymmetrischen Frisuren geformt. Manche trugen Sonnenbrillen - auch im Winter. Sie verkauften die neuesten Platten aus London, fachsimpelten über Comics und boten ihre selbstgenähten Hemden an.

Namen wie Slogans

"Hier fing alles an", sagt Javier Perez Grueso, Künstler, Musiker, Allround-Amateur, damals gerade 20 Jahre alt und hungrig auf das Leben. Er sitzt in einer großen Wohnung nahe dem Flohmarkt, aus den hochgeföhnten Haaren ist eine Glatze geworden. Wenn er vom Rastro früher erzählt, funkeln seine Augen. Von den Kids, die sich da trafen, gaben sich viele Kunstnamen: Aus Javier wurde Javier Furia, aus der 14-jährigen Olvido Gara Jova die Sängerin Alaska. Ihre Bands hatten Namen, die wie Slogans klingen sollten: Kaka de Luxe, Radio Futura.

foto: epa/fernando alvarado
Der Vermessung des Künstlerkopfes: Die Proportionen der Sängerin Olvida Gara Jova aka Alaska - ein Aushängeschild der Movida - werden für das Wachspuppenmuseum vermessen.


Begonnen hatte alles mit einem Befreiungsschlag. Nach 36 Jahren an der Macht stirbt im November 1975 General Franco. Javier, 17 Jahre alt, feiert wie alle seine Freunde in Madrid. Sie wissen: Das ist das Ende einer dunklen Ära. Er sieht, wie die Menschen in ihren Wohnungen Cidre köpfen - in Ermangelung von Champagner. "Der Alte ist tot!", rufen sie.

Nirgendwo sonst feierte die Jugend so schrill wie in Madrid

Doch was anfangen mit der neugewonnenen Freiheit? Viele gingen ins La Bobia, eine Bar am nördlichen Ende des Flohmarkts, diskutierten über Lou Reed und die Sex Pistols, dröhnten sich mit Amphetaminen, Heroin oder Haschisch zu, weil es ja sonst nichts zu tun gab an diesen gottverdammten Sonntagen, wenn man kein Kirchengänger oder Fußballfan war. Nirgendwo sonst in Spanien feierte die Jugend so schrill wie in Madrid.

Ausländische Musiker gastierten Ende der 1970er wieder in der Stadt, Galerien und Bars wurden eröffnet, Menschen experimentieren mit Mode und ihrer Sexualität. Spätestens Anfang der 1980er war es ein wenig so wie zehn Jahre später im Osten Berlins nach dem Mauerfall. Jeder probiert sich aus und erfindet sich neu. Dabei dachten sie sich auch eine neue bunte Welt aus, die das graue Spanien im Mark verändern sollte: den Kosmos der Movida madrileña.

foto: epa/juan carolos hidalgo
Heute hängt auch die Kunst der Costus im Museum


Javier Furia etwa ist Konzeptkünstler und traf damals bei einer Vernissage einen jungen Angestellten, der einfach nicht aufhören konnte, über Filme zu reden. Also drehten sie 1979 einen Streifen - zusammen mit Freunden und unbekannten Schauspielern in der Wohnung des Künstlerpaars Costus in der Calle de Palma Nummer 14. Im Oktober 1980 kam dieser Film in die Kinos. Darin gibt es viel Rockmusik, einen vergewaltigenden Polizisten - und eine Szene, in der die gerade einmal 16-jährige Musikerin Alaska auf eine andere Frau uriniert.

Und der Rest der Bande

Ausgedacht hat sich den Plot dieser junge Büroangestellte der Telefónica, der immer endlos redete, aber alle zum Lachen brachte, wie Javier erzählt. Sein Name: Pedro Almodóvar, der Titel des Films: "Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande". Fast genau 20 Jahre später bekam der Regisseur für das Melodrama Alles über meine Mutter einen Oscar verliehen. Und 35 Jahre später ist der skandalöse Debütfilm im Museum Reina Sofia in Endlosschleife zu sehen - als Zeitdokument der bislang letzten wichtigen spanischen Kulturbewegung, der wilden Movida.

Der Trailer des Films "Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande von Pedro Almodóvar.


Im weißen Jugendstilhochhaus an der Gran Via residiert nach wie vor die Telefónica. Abends um sechs Uhr verlassen die Angestellten panikartig ihre Büros, steigen hinunter in die U-Bahn oder eilen um die Ecke in eine Bar, dorthin, wo es in die Ausgehviertel Chueca und Malasaña geht. Dort wartet auch Petra Pimminger.

Die Österreicherin organisiert die einzige Führung durch Madrid in Sachen Movida. Seit sie in den späten 1990er-Jahren in die Stadt kam, hat sie diese wilde Zeit nicht losgelassen. Sie hat ihre Doktorarbeit darüber geschrieben und führt nun einheimische wie ausländische Reisende dorthin, wo die Protagonisten der Movida auszugehen pflegten.

Seit Napoleon aufsässig

Das alte Arbeiterviertel Malasaña nördlich des Zentrums ist für seine Aufsässigkeit bekannt. Während der napoleonischen Besatzungszeit 1813 nahm von hier aus ein Aufstand gegen die Franzosen seinen Anfang, die Plaza del Dos de Mayo erinnert mit einer Statue daran. Jedes Jahr gedenken die Einwohner am 2. Mai ihrer Helden, 1978 erklommen nackte Studenten die Skulptur - undenkbar zu Francos Zeiten. In der Nähe des Platzes entstanden zu dieser Zeit die ersten Bars: La Via Lactea, die "Milchstraße", und El Pentagrama.

foto: epa/oscar fernandez
Aus ihm wurde ein ganz Großer: Regisseur Pedro Almodóvar hat seine Wurzeln ebenfalls in der Movida.


Auf der Plaza del Dos de Mayo besorgten sich die Teenager der Movida ihre Drogen, zogen von hier aus weiter in die Bars. Heute ist der Platz zu großen Teilen ein Spielplatz für Kinder, der übrige Teil dient als öffentliche Terrasse für nette Cafés. Dass sich jemand für dieses Pflaster interessieren könnte, darüber hätten sie sich damals totgelacht, so ein vernachlässigtes Viertel war das.

Ein Bier für 30 Peseten - 20 Euro-Cent

Wenn Pedro Almodóvar am späten Nachmittag den Hinterausgang des Telefónica-Gebäudes nahm, ging er erst eine Viertelstunde durch dreckige Gassen, vorbei an den Prostituierten und Dealern und an den heruntergekommenen Häusern. Dann war er mitten in Malasaña, in der Calle de Palma, wo das Künstlerpaar Costus lebte und wo ums Eck in der Bar La Via Lactea ein Bier 30 Peseten - 20 Euro-Cent - kostete.

Ungefähr zur selben Zeit hat Javier die junge Alaska von der Schule abgeholt, dann trug sie noch ihre Uniform und zog sich in einer Toilette für die Auftritte um. 1980 hatte seine Band Radio Futura schließlich ihren großen Moment: Die Radiostationen spielten schon seit Monaten die neue spanische Welle, auf einmal wollte auch das Fernsehen daran teilhaben. Das Quintett trat in einer Sendung auf, sie sangen Enamorado de la moda juventil ("verliebt in die Jugendkultur"), und es hörte sich an wie der perfekte Werbeslogan für die gesamte Bewegung.

Mitten in Malasaña

In einer Rockabilly-Bar in Malasaña entdeckte Almodóvar die junge Rossy de Palma und machte sie zum Filmstar. Im Film Labyrinth der Leidenschaften aus dem Jahr 1982 fährt die Schauspielerin mit der großen Nase auf ihrer Vespa kreuz und quer durch Malasaña, auf der Suche nach einem Drogendealer. Damals ebenfalls zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen: Antonio Banderas.

foto: reuters/jacky naegelen
Dame mit Profil: Rossy de Palma wurde Almodóvar entdeckt.


Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll - die Madrider Jugend lebte das Motto der Sechziger und Siebziger einfach ein paar Jahre später. Und die Staatsgewalt war überfordert. Gesetze gegen Drogenmissbrauch gab es zunächst nicht, aber noch welche aus der Franco-Ära gegen subversives Auftreten. Javier wurde mehr als einmal von Polizisten aufgegriffen. Seine Drogen waren ihnen egal, aber wie er herumlief, das missfiel ihnen sehr.

Einen unerwarteten Verbündeten fand die Movida damals im Bürgermeister der Stadt. Von 1979 bis 1986 regierte der Sozialist Enrique Tierno Galván, ein Jurist, der mit 62 Jahren sein Amt antrat. "Der alte Professor" nennen ihn Javier Furia und Petra Pimminger. Er unterstützte künstlerische Aktivitäten der Movida, auf einer Massenveranstaltung 1983 begrüßte er die Feiernden mit den Worten: "Wer noch nicht bekifft ist, sollte was rauchen!"

Alaska in jedem Dorf

Nachdem Alaska im Sommer 1984 das Album "Deseo carnal" (in etwa: "fleischliche Gelüste") aufgenommen hatte, wurde sie endgültig zum kommerziellen Aushängeschild der Movida - die spätestens damit jedes Dorf des Landes erreicht. Es ist der Höhepunkt einer künstlerischen Bewegung, die danach zerfasert, zerfällt und neuen Richtungen Platz macht. Nie mehr gab es seither eine Bewegung in Spanien, die solch eine Wirkung auf die Gesellschaft hatte. Bis heute kommen die größten Namen der spanischen Kultur - die Literatur einmal ausgenommen - aus dieser Zeit.

Die Bars La Via Lactea und El Pentagrama zehren noch immer von diesem Ruhm, und an die wilde Zeit in Malasaña erinnert ein kleines Museum gegenüber dem Penta, wie jeder die Bar heute nennt. Petra Pimminger zeigt auf Gitarren und Lederjacken der Movida-Musiker - die nun in Vitrinen hängen. Im ehrwürdigen Museum Reina Sofia liegen die Fanzines aus jener Zeit im Archiv, einzelne Fotos aus den Jahren der Movida sind Teil der ständigen Ausstellung. Aber nichts kann dieses nagende Gefühl auslöschen: Man hätte dabei sein sollen. (Ulf Lippitz, Album, DER STANDARD, 23.08.2014)

Anreise und Info

Anreise: Direktflug Wien-Madrid zum Beispiel mit Iberia oder Austrian; die U-Bahn-Linie 8 fährt vom Flughafen in 40 Minuten direkt ins Zentrum (Nuevos Ministerios);

Unterkunft: zum Beispiel das Hotel Innside, Calle de Luchana 22, 28010 Madrid: www.melia.com - ruhiges, frisch renoviertes Haus, gleich am Eingang zu Malasaña und fußläufig zur Plaza Dos de Mayo.

Geführte Tour: Buchungen für die Movida-Tour von Petra Pimminger unter petrapim@gmail.com und +34/617/909-280. Preise auf Anfrage und je nach Saison.

Touristische Infos Madrid: Fremdenverkehrsamt Madrid: www.esmadrid.com/de

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