Traumatisiert und verführt

Kommentar21. August 2014, 18:10
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Junge Menschen im "Heiligen Krieg": Die Gründe dafür sind oft hausgemacht

Die Innenministerin konnte dem Stammtisch nicht widerstehen. Sie musste es sagen, und zwar sofort nach der Festnahme. Sollte über die aus Tschetschenien stammenden "Austro-Jihadisten" die U-Haft verhängt werden, werde sie, Johanna Mikl-Leitner, umgehend Asylaberkennungsverfahren einleiten. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache musste das nur noch übernehmen: "Null Toleranz gegenüber Asylmissbrauch und Gotteskriegern." Dass die Aberkennung des Asylstatus nicht so einfach sein dürfte wie dargestellt - sei's drum.

Schon taucht allenthalben die Frage auf, warum "solche Leute" überhaupt Asyl bekommen. Und die FPÖ wird das unter Garantie als Auftrag verstehen. Die Zuerkennung des Asylstatus für tschetschenische Flüchtlinge ist allerdings nicht die Wurzel des Problems: Jeder, der den beiden mörderischen Kriegen sowie der gnadenlosen Verfolgung durch das Kadyrow-Regime entkommen konnte, der Gewalt und Tod hinter sich lassen konnte, hat sich die Chance auf einen Neuanfang verdient. Die Zahl der Asyl-Anerkennungen schrumpft ohnehin von Jahr zu Jahr - da muss sich der Stammtisch keine Sorgen machen.

Die Gründe, warum sich junge Leute von den Mörderbanden des "Islamischen Staats" angezogen fühlen, sind vielschichtig - und zum Teil durchaus hausgemacht. Da ist zum einen die Perspektivlosigkeit, die oftmals mit dem Asylstatus zusammenhängt: etwa dass Menschen jahrelang auf die Erledigung ihrer Asylverfahren warten und in dieser Zeit nicht arbeiten dürfen, sondern, zu Almosenempfängern degradiert, keine Chance haben, ihre Existenz neu zu ordnen. Ist der Asylstatus einmal zuerkannt, ist es freilich vorbei mit der Bundesbetreuung - und zwar in jeder Hinsicht.

Viele strenggläubige Tschetschenen, aber auch etwa Pakistanis und Afghanen leben in abgeschlossenen Familienverbänden, sie sind im Alltag weitgehend isoliert von anderen Bevölkerungsgruppen.

Schulen und Ausbildungsstätten scheitern an unzugänglichen Kindern, die mit Sprachproblemen ringen. Oft fehlt es nicht nur an gezielten Förderungsmaßnahmen für die Kinder: Ganze Familienverbände müssten therapiert, Kriegs-, Folter- und Verfolgungstraumata systematisch aufgearbeitet werden. Das alles passiert nicht: Die Menschen bleiben sich selbst überlassen, lernen nie andere als kriegerische und gewalttätige Konfliktlösungsstrategien - und geben ihr Trauma oft an ihre Kinder weiter.

Bei der nächsten, jungen, Generation kommt dann oft noch neben dem Stigma "Ausländer" die Faszination für das kompromisslos-brutale Auftreten und die archaische Exotik der IS-Kämpfer. Diese momentan erfolgreichste Islamisten-Gruppe, die sich moderner Kommunikationsformen bedient, wirkt - so banal es klingt - auf manche junge Leute einfach sexy.

Man trifft sich dann in Vereinslokalen und Hinterhofmoscheen, die Öffentlichkeit interessiert kaum, was dort geschieht - solange keiner auf die Idee kommt, ein Minarett bauen zu wollen. Diese Vereine, die zum Teil auch öffentliche Mittel für "Integrationsarbeit" kassieren, müssen viel stärker in die Pflicht genommen werden, dass ihren Mitgliedern dort nicht radikale Flausen in den Kopf gesetzt werden. Man wird wohl nie ganz verhindern können, dass sich labile junge Menschen von falschen Predigern verführen lassen. Aber man sollte es diesen Leuten so schwer wie möglich machen. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 22.8.2014)

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