Dem "Spiegel" droht die finale Machtprobe

22. August 2014, 09:53
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Chefredakteur Büchner will Stellen für Ressortleiter des Hauses neu ausschreiben - Redakteure proben den Aufstand und fordern Ablöse

Berlin/Hamburg - Medienhäuser wollen Nachrichten produzieren, stehen aber selber weniger gern im Fokus der Berichterstattung - erst recht, wenn nur noch von "Aufruhr" und "Machtkampf" die Rede ist. Doch das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" bietet in dieser Liga wieder einmal reichlich Stoff. Eine Entscheidung über den weiteren Weg könnte bereits am Freitag fallen. In einer Petition fordern laut deutschen Medienberichten "Spiegel"-Redakteure die Ablöse des umstrittenen Chefredakteurs Wolfgang Büchner.

Dass das Verhältnis zwischen den selbstbewussten "Spiegel"-Mitarbeitern, denen Gründer Rudolf Augstein einst 50,5 Prozent des Verlags überlassen hat, und ihrem Chefredakteur Büchner nicht das beste ist, weiß man nicht nur in Hamburg.

Büchner sei kein Blattmacher, auch kein Schreiber, ihn interessiere nur der digitale Bereich, wurde schon kritisiert, bevor der 48-Jährige vor einem Jahr seinen Chefposten bei der Deutschen Presseagentur aufgab und zum "Spiegel" wechselte. Als er dann auch noch den "Bild"-Journalisten Nikolaus Blome als stellvertretenden Chefredakteur holen wollte, war Feuer am Dach. Der Unmut der Spiegel-Leute über die geplante Inthronisierung eines Springer-Mannes war so groß, dass Büchner ihn nur als "Mitglied der Chefredaktion" durchbrachte.

Print- und Onlineressorts unter einer Führung

Nun plant Büchner gemeinsam mit Geschäftsführer Ove Saffe einen Schritt umzusetzen, der für viele "Spiegel"-Mitarbeiter einem Affront gleichkommt. Er hat angekündigt, binnen zwei Jahren alle Stellen von Ressortleitern neu auszuschreiben. Aus Büchners Sicht wird damit erfüllt, was er sich vorgenommen hat: Die Print- und Onlineressorts sollen unter einer Führung zusammengehen. Dies ist Teil der Strategie "Spiegel 3.0", die darauf hinausläuft, dass für die Inhalte im Netz eines Tages bezahlt werden muss.

Viele beim "Spiegel" fassen die Ankündigung jedoch so auf, dass Büchner einige ihm gegenüber besonders kritische Ressort-Verantwortliche loswerden will. Drei von ihnen sollen sich laut "Süddeutscher Zeitung" Ende Juli an Geschäftsführer Saffe gewandt und erklärt haben, dass sie Büchner untragbar finden.

Wenn Büchner ernst macht, könnte es nun auf die finale Machtprobe hinauslaufen. Denn schafft es der Chefredakteur nicht, seine Redaktion hinter sich zu bringen, dann ist er gescheitert. Gemunkelt wird, dass es Büchner darauf ankommen lassen wolle.

Er hätte dann - wie Geschäftsführer Saffe - die Möglichkeit, mit einer hohen Abfertigung in der Tasche das Haus zu verlassen. Dann bräuchte das einstige Flaggschiff des deutschen Journalismus nach nur einem Jahr allerdings schon wieder einen neuen Chefredakteur.

Finale am Freitag

Laut einem Bericht der FAZ haben am Donnerstagabend 225 Redakteure und zahlreiche weitere Mitarbeiter des Hauses eine Resolution formuliert, in der sie die aus fünf gewählten Geschäftsführern bestehende Führung der Mitarbeiter KG auffordern, Büchners Plänen nicht zuzustimmen. Ein Treffen ist für Freitag anberaumt. Ob es zu einer Abstimmung kommt, ist noch unklar. Scheitert Büchner mit seinem Vorhaben, dann dürften seine Tage als Chefredakteur des Magazins endgültig gezählt sein.

Laut Berichten vom Freitag sollen die Petition 82 Prozent der Redakteure unterzeichnet haben. Sie fordern die Gesellschafter nicht nur auf, gegen Büchner zu stimmen, sondern wollen auch seine Ablöse. (bau, DER STANDARD, 22.8.2014, Update: red, derStandard.at, 22.8.2014)

  • "Der Spiegel" - hier das Verlagshaus in Hamburg - ist in schwere See geraten.
    foto: reuters/bimmer

    "Der Spiegel" - hier das Verlagshaus in Hamburg - ist in schwere See geraten.

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