Matthias Hartmann: "Sogar die Aufsichtsräte ließen sich täuschen"

Interview21. August 2014, 17:49
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In der Burgtheater-Causa werden derzeit Protokolle von Aufsichtsratssitzungen zerpflückt

Wien/Salzburg - Klagen und Gegenklagen, Anschuldigungen, Verteidigungen, schwarze Nullen, rote Zahlen: Viel Stoff, den Ex-Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann (51) verarbeiten kann. Tut er auch, abgesehen davon, dass er sich auf drei Opernregien vorbereitet und als Konsulent für Servus TV über Theaterformate im Fernsehen nachdenkt. Seine ersten Textproben von Max und Moritz lassen eine scharfe Polemik auf kultur- und gesellschaftspolitische Zustände erwarten.

Und er schreibt über seine Zeit am Burgtheater, zwischen jubelnder Willkommenseuphorie 2009 und der fristlosen Kündigung. Kulturminister Josef Ostermayer handelte damals rasch; ob auch richtig, wird die kommende Schlammschlacht weisen.

Rechts- und Staatsanwälte wühlen im Sumpf, um zu recherchieren, was ab wann wirklich geschah, wer was wusste, wer mitmachte, wer schwieg. Expertisen, die Ostermayer in Auftrag gibt, widersprechen dem Rechnungshofbericht. Der damalige Geschäftsführer der Bundestheaterholding und Burg-Aufsichtsratsvorsitzender (somit Eigentümervertreter) Georg Springer durfte mit allen Ansprüchen verfrüht in die Pension, Hartmann musste ohne Abfertigung gehen.

Doch der hatte den Skandal ins Rollen gebracht: Er holte Peter Raddatz, Geschäftsführer des Hamburger Schauspielhauses, als Berater, weil ihm die Buchhalterei an der Burg spanisch vorkam. Raddatz deckte denn auch die Abschreibungspraxis der - ebenfalls fristlos entlassenen - damaligen kaufmännischen Geschäftsführerin Silvia Stantejsky (für die selbstverständlich die Unschuldsvermutung gilt) auf.

Inwieweit Karin Bergmann, von Ostermayer als Feuerwehr geholt, von der Brandlegung wusste, wird ebenfalls geklärt werden müssen. Sie war unter Hartmanns Vorgänger Nikolaus Bachler dessen Stellvertreterin. Und nahm zumindest an der Aufsichtsratssitzung teil, in der Springer und Co Stantejskys Tricks beschworen, um Hartmann ein angeblich schuldenfreies Haus zu übergeben.

Bergmann und Stantejsky trafen einander jüngst bei den Salzburger Festspielen; die beiden sahen sich die Generalprobe von Die letzten Tage der Menschheit an - jene Produktion übrigens, die ursprünglich Hartmann hätte inszenieren sollen.

STANDARD: Hatten Sie Gelegenheit, mit Stantejsky über die Vorgänge zu reden?

Hartmann: Als ich noch im Amt war, wurde mir der Kontakt mit ihr vorgeworfen, immerhin klage sie das Haus. Dass ich sie damals getroffen habe, wird in der Anklage gegen mich verwendet.

STANDARD: Laut Anklage wussten Sie von Stantejskys Schwarzgeldsystem und nützten es, indem Sie Teile Ihres Honorars überließen.

Hartmann: Kein vernunftbegabter Mensch tut das, hätte er gewusst, dass sie damit Bilanzen schönt und versucht, Bargeld zu generieren. Wäre ich involviert gewesen, hätte ich Raddatz nicht geholt.

STANDARD: Dachten Sie nie, zur Budgetkonsolidierung auf einen Teil Ihrer Honorare zu verzichten?

Hartmann: Natürlich. Aber das wollte niemand mehr hören.

STANDARD: Offensichtlich haben Sie ein verschuldetes Haus übernommen. Welche Verantwortung trifft Ihren Vorgänger?

Hartmann: Ich bin sicher, dass er genauso getäuscht wurde wie ich mit der Loch-auf-Loch-zu-Buchhaltung. Wohin sind die Schulden zwischen Juni und September verschwunden? Sogar die Aufsichtsräte ließen sich von der schwarzen Null täuschen.

STANDARD: Haben Sie seither mit dem Minister gesprochen?

Hartmann: Nein. Ich habe das Gefühl, man wollte mich an die Wand stellen und so laut schießen, dass niemand sieht, wer die wirklich Verantwortlichen sind. Im Laufe der Aufräumarbeiten wird sich zeigen, dass es viele Mittäter des Systems gab. Vielen schwante, dass da Dinge nicht richtig laufen. Mit der Entlassung des Direktors ist es nicht getan. Es braucht eine gute Aufklärung der Dinge, deren Verantwortlichkeiten, etwa des Geschäftsführers sich nun anders darstellen. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 22.8.2014)

  • Während derzeit juristisch geprüft wird, erholt sich das Burgtheater noch von den Malversationen der schwierigen letzten Saison.
    foto: reuters/heinz-peter bader

    Während derzeit juristisch geprüft wird, erholt sich das Burgtheater noch von den Malversationen der schwierigen letzten Saison.

  • Matthias Hartmann (51) war Intendant in Bochum, Zürich und ab 2009 am Burgtheater. 2014 wurde er entlassen.

    Matthias Hartmann (51) war Intendant in Bochum, Zürich und ab 2009 am Burgtheater. 2014 wurde er entlassen.

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