Besuch bei Breitling: Hör die Zeit

27. August 2014, 15:20
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Wie wird eine Breitling zum Ticken gebracht? Um das herauszufinden, hat RONDO die Produktionsstätte der Schweizer Luxuszeitmesser in La Chaux-de-Fonds besucht

An Leon kommt hier keiner vorbei. Er steht am Ende jeder Treppe - in Blau, in Rot. Unmittelbar hinter dem Eingang sogar in dreifacher Ausführung in Gelb, Schwarz und Lindgrün: Es ist die immer gleiche Büste des Namensgebers und Gründers einer der bekanntesten Uhrenmarken der Welt - Breitling. Sie feiert heuer ihr 130-Jahr-Jubiläum.

foto: breitling
Wie kommt die dahin? Die überdimensionierte Propagandastatue eines strammstehenden Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee versieht in der Breitling Chronometrie ihren Dienst.

Wie deplatziert wirkt dagegen die überlebensgroße Propagandastatue eines strammstehenden Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee am Ende des Verbindungsganges zwischen altem und neuem Trakt der Breitling-Chronometrie in La Chaux-de-Fonds, einem zentralen Ort der Schweizer Uhrenindustrie. Mit überproportionaler Kalaschnikow vor der Brust versieht sie dort ungerührt ihren Dienst.

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Jean-Paul Girardin, Vizepräsident und operativer Chef der Marke, vor dem Porträt des Firmengründers Leon Breitling (links oben im Bild).

Darauf angesprochen, erklärt Jean-Paul Girardin: "Unser CEO, Théodore Schneider, hat eine dieser Statuen in China gesehen. Sie haben ihm so gut gefallen, dass er eine für uns in Auftrag gegeben." Die Statue sei übrigens das Einzige, was hier made in China sei, fügt der Vizepräsident und operative Chef der Marke mit einem Augenzwinkern an. Stilecht hat er am Vormittag seinen Hubschrauber vom Firmenhauptsitz in Grenchen nach La Chaux-de-Fonds pilotiert.

Ein Zubau für die Qualität

Girardin führt durch die Breitling-Chronometrie, die seit 2001 an diesem Ort existiert: 1999 fiel die Entscheidung, sämtliche Uhrwerke - Quarz wie mechanische - als Chronometer zertifizieren zu lassen. "Für die Chronometerzertifizierung gibt es in der Schweiz nur eine offizielle Instanz, die Contrôle officiel suisse des chronomètres, kurz COSC", erläutert er. Um deren strengen Standards gerecht zu werden, brauchte es eine neue Fabrik, die schließlich 2001 in La Chaux-de-Fonds eingeweiht wurde.

Um seine Unabhängigkeit zu wahren, arbeitete das Familienunternehmen außerdem diskret an der Entwicklung eines eigenen Chronografenkalibers mit Selbstaufzug. 2004 begannen die Arbeiten daran, 2009 wurde es als Chronografenwerk B01 vorgestellt. Das verlangte nach einer deutlich vergrößerten Produktionsstätte. Diese hatte 2008 ihre Arbeit aufgenommen: Zu den bestehenden 2000 Quadratmetern der Breitling-Chronometrie kamen weitere 4000 hinzu.

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Der Eingang zur Manufaktur Breitling Chronometrie in La Chaux-de-Fonds

Das Gebäude, dessen Fassade aus Sandsteinplatten besteht, wirkt von außen weniger kalt und steril als die Zweckbauten in seiner Nachbarschaft. Die Flure sind mit Eichenholz ausgelegt, große Fenster sorgen für ausreichend Licht. Es ist ruhig und beinahe heimelig. An den Wänden sieht man neben den Kunstwerken des Post-Popart-Künstlers Kevin T. Kelly immer wieder die typischen Breitling-Sujets: tollkühne Männer und ihre fliegenden Kisten.

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Der Verbindungsgang zwischen Alt- und Neubau der Breitling Chronometrie: an den Wänden Sujets von tollkühnen Männern und ihren fliegenden Kisten

Woher kommt das? "Willy Breitling", schildert Giradin, "der Enkel des Firmengründers, mehr Kaufmann als Techniker, machte die Marke weltweit bekannt. Er war es auch, der die Verbindung zur Luftfahrt herstellte." Damals, in den 1930ern, fertigte man Cockpitinstrumente für Kampfflugzeuge, die sich unter anderem auch in den Spitfires der Royal Airforce wiederfanden. Auch die Piloten wurden mit Armbanduhren ausgestattet. Die Sache mit der Luftfahrt ist demnach historisch gewachsen und war nicht die Idee irgendeines "Marketingfuzzis" - aber freilich wird diese Verbindung weiterhin zelebriert.

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Das erste hauseigenen Kaliber B01, das 2009 präsentiert wurde und das den Ausbau der Produktionsstätte erforderlich machte.

Über drei Stockwerke verteilen sich die einzelnen Arbeitsstationen, die schließlich zum fertigen Zeitmesser führen: Komponentenproduktion einschließlich der Platinen, die Vormontage von Bauteilen, der Zusammenbau und die Feinregulierung von Uhrwerken bis hin zur Fertigstellung und Qualitätskontrolle der kompletten Uhr. Vieles geschieht per Hand - konzentriert gehen die Mitarbeiter ihrer jeweiligen Tätigkeit nach. Unterstützt werden sie von Halbautomaten. Die erledigen zum Beispiel das Ölen der Werke.

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Ein Uhrmacher bei seiner Präzisionsarbeit

Bei der Wahl der Hilfsmittel beschreitet Breitling auch ungewöhnliche Wege: So hilft bei der Montage der Kaliber eine Ausstattung, die eine Medizintechnikfirma eigentlich zur Blutanalyse entwickelt hat. Elektronische Kontrollmechanismen minimieren Fehler, hochgenaue Mikrofone lauschen beispielsweise, ob das Tick-Tack des Uhrwerks auch fehlerfrei klingt, wie Girardin erläutert.

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Unterstützt werden die Mitarbeiter von automatischen Fertigungsmaschinen.

"In den entsprechenden Räumen herrschen geringe Luftfeuchtigkeit und leichter Überdruck. Alle zehn Minuten wird die Luft komplett ausgetauscht", erklärt Girardin. "Staub ist der größte Feind der Uhrmacherei." Es geht durch Räume mit langen Reihen von Maschinen, die mit lasergesteuerter Präzision die Platinen der Uhrwerke am Fließband bearbeiten.

Fünf Chefs in 130 Jahren

Vom Fließband war 1884 in dem kleinen Dorf St. Imier unweit von La Chaux-de-Fonds, wo Leon Breitling eine kleine Uhrenwerkstätte betrieben hatte, noch keine Rede. Aber gut möglich, dass ihm das gefallen hätte. Ein Tüftler sei er gewesen, ebenso wie sein Sohn Gaston, erzählt Girardin. So gehen die typischen Drücker der Stoppuhr, des Chronografen, auf das Konto der Familie Breitling.

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Lasergesteuerte Präzision

Mit dem Modell Navitimer wandte sich Breitling 1952 der zivilen Luftfahrt zu. Sein Mehrwert: Er verfügte über einen Rechenschieber, mit dem man Flugzeiten berechnen kann. Heute zählt das Modell, das nach wie vor produziert wird, zu den Ikonen des Hauses. 1969 begab man sich in Allianz mit Büren, Dubois Dépraz und anderen in das Wettrennen um den ersten selbstaufziehenden Chronografen der Welt. Ein Rennen, das Zenith mit dem "El Primero"-Kaliber knapp gewann. Auch Seiko bastelte damals an einem solchen Zeitmesser, bevor die Japaner mit der Quarzuhr beinahe die Schweizer Uhrenindustrie zu Fall brachten.

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Lünetten frisch aus der Maschine

Die Lage schien aussichtslos, und Willy Breitling, mittlerweile ein alter Mann, muss verzweifelt gewesen sein: Die Söhne zu jung, um die Firma zu übernehmen, entschloss er sich, die Uhrenmarke 1979 an Ernest Schneider zu verkaufen, den er über seine Beziehungen zum Militär kannte. So kam Breitling in den Besitz der Familie Schneider, mit Théodore "Teddy" Schneider als aktuellen Chef.

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Den Zifferblättern wird per Hand der letzte Schliff verpasst.

Fünf Chefs in 130 Jahren, das zeugt von Beständigkeit. 1984 markiert das Jahr der Wiedergeburt der Marke: Ernest Schneider präsentierte die zweite Ikone des Hauses, das Modell Chronomat - es war entgegen dem herrschenden Trend ein mechanischer Chronograf, eine massive Uhr, der sofort zum Erfolg wurde. Die Uhr ist noch immer ein Bestseller. "Wir bauen 100.000 Chronografen pro Jahr, die Hälfte davon bereits mit hauseigenen Kalibern", sagt Girardin, der seit 22 Jahren bei Breitling ist. Inzwischen wird das Manufakturkaliber B01 in unterschiedlichen Varianten produziert.

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Die Führung endet im Showroom, im letzten Stock des Neubaus. Hier werden die neuesten Modelle in Schaukästen inszeniert. Eine Disziplin, die Breitling ebenso gut beherrscht wie die Uhrmacherei. (Markus Böhm, Rondo, DER STANDARD, 22.8.2014)

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Breitling.

Hier geht's zur Ansichtssache "Uhren der Woche" mit Breitling-Modellen.

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