Religion im wachsenden Wien: Mix statt Ghettobildung

23. August 2014, 12:00
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Anfang der 2030er-Jahre wird es in Wien mehr Menschen ohne Religionsbekenntnis als Katholiken geben. Muslime werden den dritten Platz der Statistik einnehmen. Es gibt keine Ghettoisierung, die Diversität wird sich auch in den einzelnen Stadtvierteln zeigen

Wien - Bis zum Ende der 2020er-Jahre wird Wien nicht nur auf zwei Millionen Einwohner anwachsen. Mit dem demografischen Wandel wird sich auch die religiöse Landschaft verändern.

Fast 80 Prozent der Wiener waren Anfang der 1970er-Jahre katholisch. 2011 waren es nur noch rund 41 Prozent. Hinter diesen Berechnungen steht eine vom WWTF (Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds) finanzierte dreijährige Studie namens "Wirel", die Religion in Wien zwischen 1950 und 2050 erforscht.

Eine erste grobe Hochrechnung der Forschungsgruppe, die dem STANDARD vorliegt (die endgültigen Ergebnisse werden Ende 2014 präsentiert), zeigt: Die religiöse Diversität wird in Wien in Zukunft noch ansteigen.

Katholiken auf Platz zwei

Der Anteil der Katholiken wird bis 2031 auf rund 26 Prozent sinken, sagt Studienautorin Anne Goujon. Die Statistik wird dann von Menschen ohne Religionsbekenntnis angeführt (rund 32 Prozent). Damit rutschen die Katholiken auf den zweiten Platz, gefolgt von Muslimen (rund 19 Prozent) und Orthodoxen (rund 15 Prozent). Der Rest wird sich auf Juden, Protestanten und andere Religionsgruppen aufteilen - vorausgesetzt die Trends der Jahre 2006 bis 2011, die für die Hochrechnung herangezogen wurden, setzen sich bis 2031 unverändert fort.

"Wirel" beschäftigt sich aber nicht nur mit den nackten Zahlen, sondern auch mit den soziologischen Hintergründen religiösen Wandels. Die zunehmende Diversität ist, neben Kirchenaustritten und Migration, vom Heiratsverhalten, der Geburtenrate und der Weitergabe von Religion an die Kinder abhängig.

Anfang der 1990er-Jahre etwa heirateten zwei Drittel der Muslime außerhalb der religiösen Gruppe. 2011 gab es nur noch rund 16 Prozent interreligiöse Ehen mit einem muslimischen Partner. Personen ohne Religionsbekenntnis heiraten immer häufiger innerhalb ihrer Gruppe. Das sei kulturell bedingt, aber auch davon abhängig, ob man von ausreichend Menschen der eigenen Religionsgruppe umgeben sei, sagt Studienautor Ramon Bauer.

Der Anteil der muslimischen Einwohner könnte künftig weniger stark ansteigen als bisher: Die Geburtenrate von Musliminnen sei zwischen 2001 und 2011 von 2,8 auf 2,4 Kinder gesunken. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, würde sich die Rate bis 2031 an jene von Katholiken nahezu angleichen, die durchschnittlich weniger als 1,5 Kinder bekommen.

Durchmischung verschiedener Religionen in den Bezirken

Die zunehmende religiöse Diversität schlägt sich auch auf Bezirksebene nieder. Von Ghettobildung könne keine Rede sein, meinen die Forscher. Nirgendwo in Wien gebe es eine Konzentration an einer Zuwandererreligion. In fast allen Bezirken herrsche eine Durchmischung verschiedener Religionen. Katholiken dominieren nur noch vereinzelt in städtischen Randgebieten. Ob und wie sich dieser Trend fortsetzen wird, hänge unter anderem von der Stadtpolitik ab. Als Eigentümerin eines hohen Anteils des Wohnungsbestandes habe die Stadt die Möglichkeit, Einfluss auf den sozialen Mix von Wohnquartieren zu nehmen.

Religiöse Prognosen zu erstellen ist übrigens schwieriger als man annehmen mag. Das Religionsbekenntnis wurde nur bis 2001 bei der alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählung erfasst. In den amtlichen Registern scheint es nicht auf. Die Forscher mussten deshalb die Bevölkerung in jährlichen Schritten nach Religionsgruppen rekonstruieren, um eine bestmögliche Annäherung an die Realität zu erreichen. (Christa Minkin, DER STANDARD, 23.8.2014)

  • Die Wiener Religionslandschaft ist von steigender Diversität geprägt.
    foto: apa/roland schlager

    Die Wiener Religionslandschaft ist von steigender Diversität geprägt.

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