Wiens Abschied vom Katholizismus

Kommentar23. August 2014, 12:13
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Zum heteregonen Meer der Konfessionslosen scheinen SPÖ und ÖVP keinen Zugang zu finden

Wien war nach dem Ersten Weltkrieg mit Ausnahme der Nazi-Zeit immer eine sozialdemokratische Metropole. Obwohl die katholische Kirche noch 1971 über eine Bevölkerungsmehrheit von fast 80 Prozent verfügte, entschied sich ein großer Teil der Katholiken für die SPÖ. In diesem Gemenge bildeten die Kulturliberalen (vor allem Konfessionslose) eine kleine Minderheit, deren Wirkung sich wie in allen europäischen Großstädten im Kunstleben, in den Medien und an den Universitäten entfaltete.

Vierzig Jahre später (2011) halten die Katholiken bei einem Anteil von knapp über 41 Prozent (laut einer Laxenburger Studie), die Konfessionslosen bei fast 32 Prozent, was im Vergleich zu 1971 einer Verdreifachung gleichkommt. Es ist zu erwarten, dass deren Anteil gegen 2020 jenen der katholischen Christen egalisiert oder überholt haben wird. Wien gehört damit zu jenen europäischen Großstädten mit den virulentesten Verschiebungen bei den Anteilen der religiösen Bekenntnisse, obwohl die Osterweiterung im Vergleich zur deutschen Wiedervereinigung (mit ihren explosiven Veränderungen) nur marginalen Einfluss hatte.

Im gleichen Zeitraum von 1971 bis 2011 ist der Anteil der Muslime von 0,4 auf 11,6 gestiegen. Diese Zunahme ist bekannt, weniger bekannt (geschweige denn analysiert) ist der Zuwachs der Orthodoxen von 1,1 auf 8,4 Prozent. Zu ihnen zählen nicht nur die Serbisch-Orthodoxen (unter anderem aus Bosnien-Herzegowina), sondern auch die ukrainischen und russischen. Politisch nachteilig ausgewirkt hat sich Wiens Abschied vom Katholizismus vor allem auf die ÖVP – was freilich nur einer der Gründe für deren Abstieg ist. Junge und liberale Katholiken sind ins Grüne abgewandert. Sollten sie da keine Heimat mehr spüren, bieten ihnen die Neos einen neuen Hafen. Die Volkspartei wird nicht profitieren.

Zum heterogenen Meer der Konfessionslosen scheinen weder ÖVP noch SPÖ Zugänge zu finden. Intellektuelle kann die Volkspartei schon lange nicht mehr an sich binden, die neuen Unternehmer offenbar auch nicht. Und die Professoren schon gar nicht – erstens wegen der Internationalisierung der Universitäten, zweitens wegen der brutalen Vernachlässigung der Lehre.

Die Künstlerinnen und Künstler, früher einmal eine kleine Hausmacht der Wiener SPÖ, sind ebenfalls auf Distanz gegangen. Die Ideenlosigkeit und Langeweile, die Werner Faymann verbreitet, lässt weder kreative noch provokative Stimmung aufkommen. Im Gegenteil. Seine demonstrative Förderung des plakativen Boulevards ist ein Hinweis, dass er den demografischen und wertebezogenen Wandel nicht versteht.

Und die FPÖ? Sie ist in Wien groß genug, um bei den Nationalratswahlen ihrem Obmann Heinz-Christian Strache eine Mehrheit zu bieten. Aber sie hat vom Wandel der Bekenntnisse nicht im von ihr erwarteten Ausmaß profitiert. Denn auch der Nationalismus hat als Ideologie religiöse Aspekte. (Gerfried Sperl, derStandard.at, 21.8.2014)

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