Entführung von Journalisten: "Es erwischt uns alle" 

21. August 2014, 05:30
189 Postings

Dutzende Journalisten befinden sich in Krisengebieten in der Hand von Terrorgruppen, oft ohne konkrete Lösegeldforderungen. Sie werden als Faustpfand eingesetzt. Was das für die Berichterstattung bedeutet, schildert die österreichische Reporterin Petra Ramsauer

Vielleicht werde es bald den „Foley-Effekt“ geben, meint die österreichische Reporterin Petra Ramsauer. Gemeint ist damit, dass nach der öffentlichen Hinrichtung des US-Reporters James Foley kaum noch Journalisten bereit sein werden, ihr Leben für einen Einsatz in Syrien zu riskieren. Entführungen stehen auf der Tagesordnung. Mindestens 20 Kollegen seien derzeit verschleppt, schätzt Petra Ramsauer. „Es erwischt uns alle. Junge Freie wie erfahrene Journalisten", schildert sie. „Die Angst vor dem Tod ist unser ständiger Begleiter."

Laut dem US-Magazin "Atlantic" war die Bedrohung für Journalisten noch nie so groß: Allein in diesem Jahr wurden neun Journalisten und elf Blogger in Syrien getötet. Seit Beginn des Bürgerkriegs vor drei Jahren sind laut Reporter ohne Grenzen 39 Journalisten und mehr als 100 Medienschaffende getötet worden. Andere Quellen, wie das Committee to Protect Journalists, sprechen von noch mehr Opfern.

Minutiöse Reisevorbereitungen

Zwei Monate lang hat Petra Ramsauer ihre bisher letzte Reise im Juni nach Aleppo vorbereitet. Minutiös hat sie Einreiserouten geplant und Umwege recherchiert, damit möglichst wenige ihre Strecken vorhersagen können. Sie hat insgesamt 13 Kollegen konsultiert, die wie sie immer wieder in der Region unterwegs sind. Welche Grenzübergänge sind sicher? Welcher Fahrer ist vertrauenswürdig? Wo kann ich übernachten?

Unter der Abaya, einem traditionellen islamischen Kleidungsstück, trägt sie eine kugelsichere Weste, 16 Kilo schwer. Schlussendlich gibt es keine Sicherheit – nicht für Journalisten, die aus Syrien berichten. Oder aus Afghanistan, Ägypten, dem Irak – you name it.

James Foley hat sie bereits 2011 in Libyen kennengelernt. Sechs Wochen wurde der Amerikaner damals in einem Gefängnis von Anhängern des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi festgehalten. Er hat Folter miterlebt und Kollegen sterben sehen. „Der Krieg in Libyen war das Schlimmste, was ich bis zu jenem Zeitpunkt erlebt habe“, berichtete Foley danach. Trotz dieser Erfahrung ging er nach Syrien. Journalismus, erklärte er, sei eine Berufung.

Foleys Schwester: "Jetzt bist du frei"

„Wir waren noch nie so stolz auf ihn“, schrieb seine Mutter Diane Foley nach Bekanntwerden seiner Ermordung auf Facebook. "Er hat sein Leben dafür gegeben, der Welt das Leid des syrischen Volkes zu zeigen. Wir bitten die Entführer, das Leben der restlichen Geiseln zu verschonen. Wie Jim sind sie Unschuldige. Sie haben keinen Einfluss auf die amerikanische Regierungspolitik im Irak, in Syrien oder irgendwo sonst in der Welt." Seine Schwester schrieb: „Jetzt bist du frei.“

Dass sich weder die USA noch Großbritannien auf Erpressungen einlassen, ist den Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) bewusst. Laut einem Artikel der "New York Times" flossen seit 2008 mindestens 125 Millionen Dollar Lösegeld an Al-Kaida und Verbündete – allerdings nur von europäischen Regierungen.

Das an die USA gerichtete Video der IS dient in erster Linie der Propaganda. Zwar haben sich viele westliche Medien gegen eine Verbreitung gewehrt – aufzuhalten ist der virale Horror in den Social-Media-Kanälen aber nicht. Die Bilder der Hinrichtung Foleys sind überall im Internet zu finden.

Gezielte Jagd auf Journalisten seit 2013

Den Höhepunkt erreichten die Entführungen vor etwa einem Jahr. Die IS-Terrorgruppe macht gezielt Jagd auf Journalisten, seit sie mehr finanzielle Unterstützung aus den Golfstaaten bekommt. Vorher habe man den Rebellen vertrauen können, erzählt Raumsauer, die mehrere Male in Syrien war. Dass für Foley und andere kein Lösegeld gefordert wurde, bedeute in ihren Augen das Schlimmste: dass die Kollegen von den Terroristen als Faustpfand eingesetzt werden. „Wenn sie dich nicht gleich töten und es keine Forderungen gibt, wird es grimmig.“

Möglicherweise hat sie recht. In dem Video wird auch ein zweiter Gefangener vorgeführt, der in einem Schriftzug als Steven Sotloff identifiziert wird - ein amerikanischer Journalist, der seit August 2013 vermisst wird. Der IS-Terrorist droht, Sotloff werde der Nächste sein.

Einer nach dem anderen?

Was, wenn nun ein entführter Journalist nach dem anderen vorgeführt wird? „Die Gefahr ist sehr groß, dass sie medienwirksam getötet werden", fürchtet Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen. „Es ist eine traurige Symbolik – junge Journalisten werden anstelle der Soldaten in Gefangenschaft genommen, um den Westen unter Druck zu setzen. Eine objektive Berichterstattung aus den Kriegsgebieten ist kaum noch vorhanden."

Wer sich im Moment noch ins Krisengebiet traut, kann es kaum ohne bewaffneten Begleitschutz wagen. „Und dann wird es journalistisch bedenklich, wenn ich mich nicht mehr frei bewegen kann“, sagt Ramsauer. Der „Foley-Effekt“: Wenn keine Journalisten mehr bereit sind, aus den gefährlichen Gebieten zu berichten, weiß die Welt auch nicht, was in den von der IS belagerten Städten wie Mossul oder Tikrit vor sich geht.

Die gezielten Entführungen, die Horrorbilder von abgetrennten Köpfen – das alles ist auch Strategie, um Journalisten fernzuhalten. „Das wenige, was ich über meine Kontakte via Skype rausfinden kann, ist Wahnsinn. Mordende Banden ziehen ungehindert durch diese Städte. Es gibt keine Berichte mehr und somit keine Beweise für diese Verbrechen“, sagt Ramsauer. (Julia Herrnböck, derStandard.at, 21.8.2014)

  • Petra Ramsauer hat Foley 2011 in Libyen kennengelernt. Schon dort war er wochenlang in Gefangenschaft.

    Petra Ramsauer hat Foley 2011 in Libyen kennengelernt. Schon dort war er wochenlang in Gefangenschaft.

  • Der US-Reporter James Foley, seit November 2012 in Syrien entführt, wurde an einem noch unbekannten Ort von einem IS-Kämpfer vor laufender Kamera hingerichtet.
    foto: ap

    Der US-Reporter James Foley, seit November 2012 in Syrien entführt, wurde an einem noch unbekannten Ort von einem IS-Kämpfer vor laufender Kamera hingerichtet.

  • Foleys Eltern bestätigten die Echtheit des Videos: "Wir sind so stolz auf dich wie noch nie", schrieb seine Mutter auf Facebook.
    foto: ap

    Foleys Eltern bestätigten die Echtheit des Videos: "Wir sind so stolz auf dich wie noch nie", schrieb seine Mutter auf Facebook.

Share if you care.