"Seitenblicke" beim Kaiser in Bad Ischl: Am Tor der Vollkommenheit

20. August 2014, 17:39
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Ein Refugium des heitersten Optimismus': Preiswürdig, wie ein Beitrag Inhaltsleere elegant zu Information umschminkt

In diesen turbulenten Zeiten, da es an vielen Weltecken eher lichterloh brennt, sind die "Seitenblicke" ein Refugium des heitersten Optimismus. Reisen sie nach Bad Ischl zum 184. Geburtstag von Kaiser Franz Joseph, so gottlob nicht um Dokumente in Sachen Erster Weltkrieg zu befragen. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem traditionsreichen Kaisergolfturnier zugunsten der Franz-Klammer-Foundation. Nicht nur die gerade hitzig besprochene Kriegsursache ist schönerweise kein Thema.

Preiswürdig wirkt auch, wie so ein Beitrag Inhaltsleere elegant zu Information umschminkt: Die Damen werden virtuos bezüglich ihrer Kleiderlängen befragt; die Herren dürfen über zu kleine Bälle und ebenfalls zu winzige Golflöcher klagen. Und versemmelt Gastgeber Klammer einen Ball, der im benachbarten Teich landet, wird das Problemchen, wie man die Kugel aus dem Wasser holen soll, ohne nass zu werden, zum prickelnden Krimi.

Später wird Klammer mit einer Kutsche zum Abendmahl vorfahren, und ein „Franz Kaiser“ wird über die Vor- und Nachteile seines historisch gewichtigen Namens erzählen, während Peter Rapp an Dinge erinnern wird, die jeder weiß. Er erklärt, warum der Klammer Kaiser genannt wird und auch der Franz Beckenbauer. Dann aber eröffnet Rapp, auch in ihm würde bald ein Kaiser stecken, schließlich nehme er an Benatzkys Im weißen Rössl teil – „in Blindenmarkt“.

Tja. Obwohl es an sich kein Unglück war, dies zu erfahren, wurde es doch zum Schönheitsfehler. Es war echte Information. Ohne sie jedoch wären für das Seitenblicke-Kunstwerk der heiteren Belanglosigkeit – an des Kaisers 184._Geburtstag – die Tore zur Vollkommenheit weit aufgegangen. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 21.08.2014)

  • "Seitenblicke" in Bad Ischl. Zum Nachsehen hier.
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    "Seitenblicke" in Bad Ischl. Zum Nachsehen hier.

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