Blau-gelber Sowjetstern prangte über Moskau

20. August 2014, 17:24
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Proukrainischer Aktionismus auf Stalin-Hochhaus - Gefechte in Donezk und Luhansk

Kiew/Moskau - Auge um Auge: Hatten prorussische Separatisten im Donezkbecken in den vergangenen Monaten vielerorts die russische Trikolore gehisst, so wehte am Dienstag über Moskau die ukrainische Flagge. Einige Kletterer hatten die mehrere Quadratmeter große Fahne auf einem der sieben prestigeträchtigen Stalin-Hochhäuser unweit des Kremls gesetzt und zugleich den Sowjetstern mit blau-gelber Farbe übertüncht.

Immerhin ging es bei der Aktion unblutig zu, auch die Waffenkammern von Geheimdienst und Militär in der Stadt sollen Berichten zufolge nicht geplündert worden sein. Trotzdem droht den vier Verdächtigen, die die Polizei unweit des Elitewohnblocks mit Bergsteigerausrüstung festgenommen hat, ein Strafverfahren wegen Vandalismus. Die Höchststrafe liegt bei drei Jahren Freiheitsentzug. Bei den Verdächtigen handelt es sich um zwei Männer und zwei Frauen, allesamt russische Staatsbürger. Sie streiten die Tat ab.

Die Behörden reagierten schnell: Die Fahne war innerhalb kürzester Zeit wieder unten, auch der Stern war nach wenigen Stunden frisch gestrichen. In einer ersten Antwort haben zudem russische "Patrioten" auf einem anderen Stalin-Hochhaus in Moskau die russische Flagge gehisst. Über die Einleitung eines zweiten Ermittlungsverfahrens in dem Zusammenhang hat die Polizei offiziell noch nichts verlautbart.

Erinnert die Kraftprobe in Moskau an Lausbubenstreiche, ist sie in der Ostukraine nach wie vor bitterer Ernst: Die Auseinandersetzungen zwischen proukrainischen und prorussischen Kräften haben an Schärfe noch einmal zugenommen - und fordern immer mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung. Laut dem Gesundheitsamt der Donezker Stadtverwaltung sind innerhalb von 24 Stunden im Gebiet Donezk 34 Zivilisten ums Leben gekommen; weitere 29 wurden verletzt. Seit Beginn der Unruhen im März sei die Zahl der Toten damit auf 951, die der Verletzten auf 1748 gestiegen, berichtet die Behörde.

Streit um Hilfskonvoi

Auch in Luhansk ist die Lage katastrophal. Neben der Gefahr durch den ständigen Beschuss plagt die Menschen die zusammengebrochene Strom-, Wasser- und Lebensmittelversorgung. Ob die PR-trächtig von Russland geschickten Hilfslieferungen ankommen, ist ungewiss. Rebellen und Regierungstruppen verdächtigen sich gegenseitig geplanter Provokationen gegenüber dem Konvoi.

Echte Truppenbewegungen gibt es hingegen kaum. Auf der täglich vom ukrainischen Sicherheitsrat veröffentlichten Lagekarte sind zuletzt praktisch keine Änderungen mehr auszumachen. Auch die Auflistung der umkämpften Ortschaften bleibt großteils konstant. Selbst die wenigen Erfolgsmeldungen der Nationalgarde sind umstritten, werden sie doch - wie etwa die Einnahme der Ortschaft Ilowaisk - umgehend von den Rebellen dementiert.

Die Hoffnung auf Frieden oder Waffenstillstand ist dennoch gering. Zwar wird der ukrainische Präsident Petro Poroschenko am 26. August im Rahmen der Verhandlungen zwischen EU und Zollunion um den künftigen Kurs der Ukraine auch mit Russlands Präsident Wladimir Putin sprechen. Russische Politologen gehen im Vorfeld des Treffens allerdings nicht von einer Einigung aus. Eine Lösung, die beide Seiten zufriedenstellt, gebe es derzeit nicht, heißt es. Der Dialog sei aber trotzdem notwendig, um bei einem weiteren Treffen, möglicherweise im September, einen Kompromiss anzusteuern. (André Ballin, DER STANDARD, 20.8.2014)

  • Aktionismus für die ukrainische Sache: Kletterer hissten auf einem  Stalin-Hochhaus in Moskau die ukrainische Flagge und bemalten den Sowjetstern  blau-gelb.
    foto: reuters/ilya varlamov

    Aktionismus für die ukrainische Sache: Kletterer hissten auf einem Stalin-Hochhaus in Moskau die ukrainische Flagge und bemalten den Sowjetstern blau-gelb.

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