Ein Hoch dem Eigensinn

Blog20. August 2014, 15:20
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Im Alltagsgebrauch ist der Eigensinn negativ konnotiert. Warum eigentlich? Ohne Eigensinnige gäbe es keine Fortschritte in den Wissenschaften, der Technik oder der Kunst

Zuerst die Definitionen: Eigen = einer Person, Sache zugehörig; typisch, charakteristisch. Sinn = Fähigkeit zur Wahrnehmung; Gefühl, Verständnis für etwas; jemandes Gedanke; Bedeutung, Zweck einer Sache. Eigensinn = hartnäckiges Beharren auf einer Meinung, Absicht.

Wie viel Eigensinn hält eine Organsiation aus? Was wäre, wenn er ganz verschwände? Unternehmer sind per se eigensinnig, denn wer sich unter den momentanen Rahmenbedingungen auf diesen Weg begibt, braucht eine gehörige Portion davon. Man muss von vielen Widrigkeiten absehen und das Eigene im Sinn behalten können. Eigensinn setze ich nicht mit Egozentrik gleich. Eigensinnige können auch sehr selbstlos sein. Ich möchte einige Faktoren beleuchten, die dazu geführt haben, dass es so schwer fällt, das Positive am Eigensinn zu sehen.

Aber wehe, wenn ich auf das Ende sehe ...

In der Bewertung des Eigensinns spiegelt sich das Spannungsverhältnis Individuum und Kollektiv wider. Schnell wird mit Eigensinn Chaos oder Anarchie assoziiert. Denn, wenn jeder das tut was er will ... Aber ist das wirklich so?

Gemeinschaften schützen ihre Mitglieder und geben das Leben nach Regeln vor, die das Überleben des Ganzen sichern sollen, manchmal um den Preis und das Opfer Einzelner. Wer bestimmt hier, welcher Einsatz angemessen ist?

Schutzengerl schau oba

Durch Eingrenzung der Willkür sollen Kinder vor Selbstgefährdung geschützt werden. Da stimmen alle Eltern zu. Man will bewährte Erfahrungen weitergeben. Das geschieht durch die Beschränkung des Einzelwillens mittels auch religiös verankerter Gebote oder Gesetze.

Das Ich, das Wir ist und vice versa

Die Geschichte der Philosophie kann querbeet auch als stete Auseinandersetzung zwischen den Polen "Ich" und "Wir" gelesen werden. Platons ständisches Staatskonzept zur Zähmung des wilden Tieres wider Epikurs lustbetonter Eigenverantwortung; Augustinus bedingungslose Unterwerfung unter den göttlichen Willen, dagegen kristallisierte sich das freie Ich am Beginn der Neuzeit in Descartes Cogito ergo sum heraus, das alle Grenzen abwerfen kann.

Thomas Hobbes absolutistischer Leviathan sollte Schutz gegen die menschliche Wolfsnatur bieten. Rousseau verwehrte sich im Beharren auf seiner originalen Form, als unverwechselbarer Eigenheit gegen jede gesellschaftliche Vereinnahmung. Kant definierte die Aufklärung als Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit "Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

The Fool on the Hill

Außenseiter sind notwendig, ob als Hofnarren, wie Till Eulenspiegel oder als unangepasste Verweigerer allzu konventioneller Trampelpfade. Sie bilden das Korrektiv für die gern im leichten Gleichschritt in vorgegebene Richtung torkelnden Massen. Die Menschen sind soziale Wesen, kooperativ, konsensorientiert und konfliktscheu.

Das hat Vor- und Nachteile. Man braucht Mut, um sich auf Perspektivenwechsel einzulassen, wider den Strom. Nein zu sagen bedeutet Risiko in Kauf zu nehmen, nicht als Facebook-Poster im Gesinnungs-Shitstorm oder als anonymer Troll im Kommentarfriedhof, aber als handelnde Person mit spürbaren Konsequenzen, im Beruf oder im Hinblick auf die gesellschaftliche Position und Stellung. Doch nur durch den Eigensinn, das Beharren auf Standpunkten und Meinungen werden Paradigmenwechsel möglich, oft genug um den Preis persönlichen Scheiterns.

Pfui gack, schamst di net?

Was wirkt am stärksten, will man Menschen bei der Stange halten? Es ist die Furcht vor der sozialen Exklusion. Ächtung wirft die Betroffenen auf ganz ursprüngliche Gefühle zurück, Scham oder Schuld.

Beide Gefühle sind auch stark sexuell aufgeladen, berührt man hier doch zentrale Punkte der reflektierten Selbstwahrnehmung als Mensch.

Wer die Scham instrumentalisiert, beherrscht die Menschen. Götter und Tiere schämen sich nicht. Es gibt in der Ethnologie eine umstrittene aber doch interessante These, dass menschliche Gesellschaften in zwei Stränge auseinander fallen, scham- oder schuldgeleitet sind. Schamgeleitete Kulturen, vor allem in Asien, fußen demnach auf wechselseitiger sozialer Anerkennung, wobei man des anderen Gesicht wahrt und schützt und somit selbst geschützt wird, im Sinne der Reziprozität. Der Gesichtsverlust wäre der irreversible Ausschluss aus der Gemeinschaft, der soziale Tod.

Schuldgeleitete Kulturen kommen vor allem aus der abrahamitischen Tradition. Unvollkommene Wesen stehen in einer nicht einzulösenden Bringschuld gegenüber ihrem Schöpfer. Erst im Jenseits wird sich zeigen, ob man gottgefällig war. Ein Leben lang muss die mit einem Mangel befleckte Seele nach einer Reinigung trachten, die sie aus sich nicht vollbringen kann. Sie bleibt auf die Gnade der Überinstanz angewiesen und ist somit gut lenkbar.

Adam, wo bist du?

Auch die philosophische Anthropologie grübelte lange über das Phänomen Scham. Ist sie ontogenetisches Merkmal unseres phylogenetischen Widerspruchs als Geist- und/oder Tierwesen? Daraus wurden auch sexuellen Tabus abgeleitet, um die natürliche Begierde in gelenkte Bahnen sittlicher Liebe zu kanalisieren. Aber sind wir Menschen wirklich jene physiologischen Frühgeburten, die als Irrweg der Evolution immer wieder durch die Medien geistern? Ist unsere Plastizität und Formbarkeit nicht vielmehr das erfolgreichste Konzept unter allen bekannten Lebewesen?

Die Psychoanalyse sieht die Scham nicht als Ergebnis eines Leib-Seele Dualismus, sondern als präflexive Form der Selbstdistanzierung. Da ist ein schon Wollen aber noch nicht Können, das Kind will kompetent sein. Hier kann eine Nichtanerkennung existentielle Dimension gewinnen, wenn die soziale Umgebung darauf falsch reagiert.

To be or dobedobedoo

Wäre es nicht so einfach jeden Menschen, der seinen Eigensinn leben will, beim Kompetenzerwerb hierfür zu unterstützen, ohne dass er sich seiner schämen oder jemandem gegenüber schuldig fühlen muss?

Max Stirner, gern vergessener, weil gefürchteter Widerborst der idealistischen deutschen Philosophieströmung, hat dies in seinem fast verschollenen Werk: Der Einzige und sein Eigentum; so auf den Punkt gebracht: "Hat die Religion den Satz aufgestellt, Wir seien allzumal Sünder, so stelle Ich ihm den andern entgegen: Wir sind allzumal vollkommen! Denn wir sind jeden Augenblick Alles, was wir sein können, und brauchen niemals mehr zu sein."

Wer sind heute die Eigensinnigen, wer reißt mit disruptiven Fragen das Gewohnte auf, wer, wenn nicht die Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer und Philosophen? Nur der Eigensinn kann die Wirklichkeit ganz anders sehen, als dies im Alltag der Welt der Fall ist.

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt unter anderem Ethik an der Militärakademie und leitet den Universitätslehrgang Kultur & Organisation an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach und als Trainer in Unternehmen und im Verwaltungsbereich tätig.

Der Blog basiert auf einer Kurzfassung der Eröffnungsrede des Symposions und Festivals www.more-ohr-less.at zum Jahresthema Eigensinn/own will, gehalten am 31.7.14 in Lunz am See. Intendanz: Hans Joachim Roedelius

  • Warum hat er nur so ein mieses Image, der Eigensinn?
    foto: istock / gregul

    Warum hat er nur so ein mieses Image, der Eigensinn?

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