Jesiden-Vertreter richten Hilferuf an Österreich

20. August 2014, 14:23
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Österreich soll Flüchtlinge aufnehmen und verstärkt humanitäre Unterstützung leisten

Wien - Es war ein ungewöhnlicher Beginn einer Pressekonferenz: Bevor am Mittwoch fünf Vertreter der jesidischen Religionsgemeinschaft in Wien über die aktuelle Situation im Irak sprachen, baten sie die Anwesenden um eine Schweigeminute für die Opfer der Gewalt gegen Jesiden und legten anschließend einen Blumenstrauß vor eine Pinnwand mit Bildern von Flüchtlingen. Erst dann begannen sie über die Geschehnisse im Irak und die Verbrechen des neu ausgerufenen Kalifats Islamischer Staat (IS) zu sprechen.

Morde, Entführungen, Vergewaltigungen

Den Anfang machte Sandos Solamen, die Obfrau von Mala Ezidiya, dem Verein der Jesiden in Wien. Sie plädierte dafür, nicht alle Muslime in einen Topf zu werfen; der Islam sei eine friedliche Religion, und sie appellierte an Muslime, das auch zu leben. Anschließen erzählte sie von den Ereignissen, die seit Anfang August im Norden des Irak geschehen sind. Die dort ansässigen Jesiden seien von IS-Kämpfern vor die Wahl gestellt: Entweder sie konvertieren zum Islam, oder sie werden getötet, erzählt Solamen. Sie berichtet weiter von Morden, Entführungen, Vergewaltigungen und Menschen, die lebendig begraben wurden.

Seit dem 2. August flüchteten 200.000 Jesiden vor den IS-Kämpfern in die Sinjar-Berge im Norden des Irak. Versorgung mit Lebensmitteln oder Wasser gab es dort kaum. Die Hubschrauber, die versuchten, Hilfstransporte in die Region und Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen, seien lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Derzeit würden noch rund 5.000 Menschen ihn der Region ausharren. Die Mehrheit sei aber bereits in die kurdische Autonomieregion geflüchtet.

Aufruf zur Hilfe aus Österreich

Der Politikwissenschaftler Alo Schwan, der aus Deutschland angereist war, forderte stellvertretend für alle am Podium Anwesenden von Österreich und der internationalen Gemeinschaft verstärkte humanitäre Hilfe, die Aufnahme von Flüchtlingen, die Errichtung eines Schutzkorridors für Minderheiten im Irak und eine internationale Untersuchung der Ereignisse in Sinjar.

Der seit 2010 in Deutschland lebende Raschid Masoud erzählt, dass zwei seiner Cousinen entführt wurden. "Seit zwei Wochen herrscht Begräbnisstimmung in meiner Familie." Er fordert von muslimischen Jugendlichen, sich stärker von IS abzugrenzen: "Warum geht die muslimische Jugend nicht auf die Straße und sagt: Wir haben mit IS nichts zu tun?"

Unterstützung muslimischer und türkischer Vereine

Die Initiative Liberaler Muslime in Österreich (ILMÖ) unterstützt die Forderungen der Jesiden, wie sie in einer bei der Pressekonferenz verteilten Aussendung wissen lässt: "Wir appellieren an die Weltgemeinschaft, dafür zu sorgen, dass die Betroffenen in ihrer Heimat bleiben können, und ihnen dort solidarisch beizustehen."

Birol Kilic, der Leiter der Türkischen Kulturgemeinde in Österreich, schloss sich dem Appell der Jesiden-Vertreter an: "Ich rufe alle Muslime auf, sich von der Terrorgruppe IS zu distanzieren und Jugendliche aufzuklären. Denn die haben mit dem Islam nichts zu tun. Vor allem die Menschen aus der Türkei müssen aufstehen und sagen, dass hier ein schrecklicher Genozid passiert." (mka/APA, derStandard.at, 20.8.2014)

Nachlese

"Virtueller Brandbeschleuniger für Jihadisten-Nachwuchs" - Jugendliche aus Österreich rufen im Internet zur Unterstützung des "Islamischen Staates" und zur Verfolgung von Jesiden auf

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