Planung ist die halbe Zukunft

23. August 2014, 16:00
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Die Förderagentur FFG weiß noch immer nicht, wie viele Mittel ihr künftig zur Verfügung stehen - Im wachsenden Markt der angewandten Forschung entstehe so unnötig Unsicherheit, wird beklagt

Wien - Die angewandte Forschung braucht mehr Aufmerksamkeit. Das fordern Henrietta Egerth und Klaus Pseiner, die Geschäftsführer der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Sie sehen derzeit einen Trend, der diesen Bereich "an den Rand drängt".

Egerth erinnert daran, welche Rolle Unternehmen wie der Automobilzulieferer AVL List aufgrund ihrer Forschungsaktivitäten spielen. "Das sind Flaggschiffe, die uns durch Krisen geführt haben", sagt sie zum Standard. Auch die lange forcierte Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft verliere derzeit an Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung. "Jahrelang hat man davon gesprochen, dass wir hier einen Aufholbedarf haben, nun scheint das gar nicht mehr so ein wichtiges Thema zu sein."

Die Basis der Analyse: Die FFG sei die einzige Organisation in Österreich, die Forschung fördert und keinen mehrjährigen Planungshorizont habe, sagt Pseiner. Auch für 2014 sei die Mittelbindung noch nicht fixiert, man rechne aber mit einem Rückgang von etwa 78 Millionen Euro. Die FFG dürfte demnach heuer 509 Millionen und nicht mehr 587 Millionen Euro wie im Vorjahr zur Verfügung haben.

Für den Rückgang des Budgets sind gleich mehrere Faktoren verantwortlich: Ein großer Teil der Mittel ist an das Kompetenzzentrenprogramm Comet der FFG-Eigentümer Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium bzw. Infrastrukturministerium gebunden und könnte bald wieder zur Verfügung stehen - wenn neue Ausschreibungen starten. Pseiner: "Die Comet-Gelder kommen in mehrjährigen Paketen." Wann das nächste geschnürt wird, ist allerdings noch nicht bekannt.

Das tatsächliche Minus in der Budgetrechnung der beiden FFG-Geschäftsführer ist vor allem dem Einbruch der Nationalstiftung geschuldet: Hier stehen 2014 insgesamt nur 12,5 Millionen Euro zur Verfügung. 2013 waren es noch 30 Millionen. Die FFG erhält davon 25 Prozent. Von diesem Minus sind natürlich auch andere Organisationen betroffen, die am Kuchen der Nationalstiftung naschen: zum Beispiel der Wissenschaftsfonds FWF. Dessen Budget von etwa 184 Millionen wurde im Frühjahr bis 2018 fixiert. Immerhin ein Vorteil aus Sicht der FFG.

Unsicherheit im System

Egerth: "Wir brauchen vor allem Planungssicherheit, um sie an unsere Antragsteller weitergeben zu können." Im Moment sei eine Unsicherheit im gesamten Fördersystem zu spüren. Pseiner ergänzt: "Der Markt ist größer geworden, unser Fördertopf bleibt aber gleich groß oder wird kleiner. Das heißt: Wir stopfen ein Loch, indem wir ein anderes aufreißen."

Während der Verhandlungen zur aktuellen Koalitionsregierung kursierte noch ein Papier, in dem von jährlich zehn Prozent Zuwächsen für die FFG die Rede war. Pseiner: "Damit könnten wir die nötigen neuen Impulse für die angewandte Forschung setzen, eine neue Dynamik entfachen und die Nachfrage aus den Unternehmen decken." Hier sei derzeit ein gegenteiliger Trend erkennbar. Die Bewilligungsquote in den Schwerpunktprogrammen beträgt derzeit 39 Prozent - die Tendenz ist seit 2009 fallend, weil der Wettbewerb wächst. Die Bewilligungsquote in den Bottom-up-Förderungen ohne thematische Vorgabe liegt aber immer noch bei 73 Prozent.

Egerth erinnert an das Ziel der Bundesregierung, 2020 zu den europäischen Innovation Leadern gehören zu wollen. "Wir haben vollstes Verständnis, wenn die Steigerung in budgetär angespannten Zeiten nicht möglich ist, irgendwann müssen wir aber wieder beginnen, in die Zukunft zu investieren." Argumente, dass die FFG trotz Reduktion noch deutlich besser budgetiert sei als andere Institutionen der österreichischen Forschung, hören Egerth und Pseiner häufig, wollen sie aber natürlich nicht gelten lassen.

"Wir decken auch ein breites Portfolio ab. Bei uns holen sich nicht nur Unternehmen, sondern auch Unis über Wirtschaftskooperationen Fördermittel ab." Die beiden FFG-Geschäftsführer halten auch nichts von der Darstellung, die wirtschaftsnahe Forschung habe schon allein durch die steuerliche Erleichterung "Forschungsprämie" enorme Vorteile. Derzeit werden zehn Prozent der beim Finanzamt eingereichten F&E-Ausgaben rückerstattet. Egerth: "Die Forschungsprämie ist eine Möglichkeit, wirtschaftsnahe Forschung in Österreich billiger zu machen. Wir reden von der Förderung nach einem Wettbewerb und einer Juryentscheidung."

Einen optimistischen Blick in die Zukunft können Egerth und Pseiner dennoch wagen: Die FFG müsse sich noch besser als bisher international vernetzen und Kooperationen mit Förderagenturen aus dem Ausland eingehen. Egerth selbst wird deshalb ein Jahr in Singapur verbringen. Im südostasiatischen Staat sei die Forschungsförderung auf europäischem Niveau.

"Andere Kollegen werden sich dann weitere Länder anschauen." Das könnten Brasilien, Chile, Indien oder Russland sein. "Wir werden das jedenfalls in den nächsten zwei bis drei Jahren umsetzen." (Peter Illetschko, DER STANDARD, 20.8.2014)

  • Die FFG- Geschäftsführer Klaus Pseiner und Henrietta Egerth wünschen sich Planbarkeit für angewandte Forschung und wollen wieder Dynamik in Sachen F&E entfachen.
    foto: standard/corn

    Die FFG- Geschäftsführer Klaus Pseiner und Henrietta Egerth wünschen sich Planbarkeit für angewandte Forschung und wollen wieder Dynamik in Sachen F&E entfachen.

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