Der Geldmaschine den Stecker ziehen

20. August 2014, 05:30
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Alternative Währungssysteme fristen trotz Fürsprechern für Reformen im Geldwesen ein wissenschaftliches Schattendasein

Wien - Eines ist nicht zu erwarten, wenn sich die Zentralbanker dieser Welt in den kommenden Tagen zu ihrer prominent besetzten Konferenz in Jackson Hole treffen: ein Rütteln an den Grundfesten der modernen Finanzarchitektur. Obwohl es an Fürsprechern für Reformen im Geldwesen und alternativen Währungssystemen nicht mangelt, fristen Gegenkonzepte zum bestehenden Finanzsystem seit Jahrzehnten ein Dasein in der Schublade.

Was Ökonomen in den USA schon in den 1930er-Jahren infolge der Großen Depression propagierten, das sehen manche Kritiker des Geldsystems auch heute als Antwort auf systemische Instabilitäten: Das sogenannte 100-Prozent-Geld, oder das daraus erwachsene Konzept des Vollgeldes soll künftig Krisen verhindern. Bei einem vom Bildungsnetzwerk INEX veranstalteten Diskussionsabend in Wien mit dem Thema "The future of money" beklagte Joseph Huber, bekannter Vertreter des Ansatzes im deutschsprachigen Raum, die fehlende Präsenz des Themas. "Politiker blenden die Frage des Geldsystems komplett aus. Dabei sind Krisen die Folge von Blasen. Niemand stellt die Frage, wo all dieses Geld herkommt" , so der an der Universität Halle lehrende Wirtschafts- und Umweltökonom.

Blasenbildung begrenzen

Sein Konzept sieht vor, diese Blasenbildung an den Kapitalmärkten zu begrenzen, indem der Staat den Banken verbietet, neues Geld in Umlauf zu bringen. Ein Zustand, der wohl von den allermeisten Menschen als ohnehin gegeben angenommen wird. Doch das Recht zur Geldschöpfung liegt im modernen Finanzsystem in erster Linie nicht bei den Zentralbanken, sondern bei den privaten Banken. Geldinstitute können ein Vielfaches der von ihnen gehaltenen Bargeldreserven in Form von Krediten in Umlauf bringen - und damit neues Geld erschaffen. Daher rührt auch der Name Teilreservesystem. Das Vollgeld hingegen schreibt Banken vor, nur dann Kredite vergeben zu dürfen, wenn sie über Geldreserven im gleichen Ausmaß verfügen.

Außer einer regen Diskussion in der Zivilgesellschaft können Befürworter aber kaum Zählbares vorweisen. Einzig in der Schweiz versucht eine entsprechende Initiative, eine Volksabstimmung über die Einführung des Vollgeldes zu erzwingen. Huber sitzt in deren wissenschaftlichem Beirat.

Keine Umsetzungsperspektive

Dass Geld schon bei seiner Entstehung mit Schulden beladen sei, diese Meinung teilte auch Bernard Lietaer, Berkeley-Professor und ehemaliger belgischer Zentralbanker. In der Einschätzung, die Zentralbanken agierten heute überwiegend im Sinne der großen Banken, finden sich die Systemkritiker allesamt wieder. Weniger einig waren sich die Diskussionsteilnehmer aber in der Frage, was die im Veranstaltungstitel zitierte ominöse Zukunft des Geldes sein könnte. Lietaer plädiert für eine Vielfalt der Währungen, die Regionalgeld ebenso beinhaltet wie eine "Globalwährung". Ob Vollgeld irgendwann mehr sein wird als eine Vision, darüber konnte auch er nur spekulieren. (Simon Moser, DER STANDARD, 20.8.2014)

  • Eine bunte Vielfalt an verschiedenen Währungen wünschen sich so manche.
    foto: reuters/damiuk

    Eine bunte Vielfalt an verschiedenen Währungen wünschen sich so manche.

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