Wir müssen Antworten auf Ebola geben

Kommentar der anderen19. August 2014, 17:51
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Mehr als 1200 Ebola-Tote bisher: Die Welt kann sich akuten Seuchen gegenüber nicht gleichgültig verhalten. Wir sind alle bedroht, ein globaler Gesundheitsfonds muss den armen Ländern Afrikas und Asiens helfen

Die entsetzliche Ebola-Epidemie in zumindest vier westafrikanischen Ländern (Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria) erfordert nicht nur Notmaßnahmen, um den Ausbruch zu stoppen, sondern auch ein Umdenken hinsichtlich einiger Grundannahmen im Bereich der globalen öffentlichen Gesundheit. Wir leben im Zeitalter neu entstehender und wiederkehrender Infektionskrankheiten, die sich durch globale Netzwerke rasch ausbreiten können. Deshalb brauchen wir ein globales Krankheitskontrollsystem, das dieser Realität Rechnung trägt. Erfreulicherweise befindet sich ein derartiges System in Reichweite, sofern wir entsprechend investieren.

Ebola ist die jüngste von vielen Epidemien der letzten Zeit, zu denen Aids, Sars, die H1N1- sowie die H7N9-Grippe und andere zählten. Mit beinahe 36 Millionen Toten seit 1981 ist Aids die tödlichste dieser Epidemien.

Natürlich sind noch größere und schlagartiger auftretende Epidemien möglich wie etwa die Grippe-Epidemie 1918, der 50 bis 100 Millionen Menschen zum Opfer fielen (weit mehr als im Krieg). Und obwohl man den Sars-Ausbruch 2003 eindämmen konnte und die Zahl der Toten unter 1000 lag, hätte die Krankheit in mehreren ostasiatischen Ökonomien, einschließlich China, beinahe massive Schäden angerichtet.

Im Hinblick auf Ebola und andere Epidemien gilt es vier entscheidende Faktoren zu verstehen. Zunächst handelt es sich bei den meisten neu auftretenden Infektionskrankheiten um Zoonosen. Das heißt, die Erreger stammen aus Tierpopulationen und in manchen Fällen ermöglicht eine genetische Mutation die Übertragung auf den Menschen.

Ebola ist möglicherweise von Flughunden übertragen worden; HIV/Aids stammt ursprünglich von Schimpansen; Sars kam höchstwahrscheinlich von den auf Tiermärkten in Südchina verkauften Zibetkatzen, und Grippevirenstämme wie H1N1 und H7N9 waren die Folge einer genetischen Rekombination von Viren in Wild- und Nutztieren. Neue zoonotische Krankheiten sind unausweichlich, da der Mensch in neue Ökosysteme vordringt (in ehemals weit abgelegene Waldgebiete), die Lebensmittelindustrie neue Bedingungen für genetische Rekombination schafft und es aufgrund des Klimawandels zu einer Vermischung natürlicher Lebensräume und veränderter Interaktion zwischen den Arten kommt.

Zweitens: Tritt eine neue Infektionskrankheit auf, kann sie sich über Flugzeuge, Schiffe, Megastädte und Handel mit Tierprodukten extrem schnell ausbreiten. Diese Epidemien sind die neuen Zeichen der Globalisierung und zeigen durch die von ihnen verursachten Todesketten auf, wie verwundbar die Welt aufgrund des allumfassenden Transports von Menschen und Gütern wurde.

Drittens leiden die Armen als erste unter diesen Krankheiten und sind auch am stärksten von ihnen betroffen. Arme Menschen in ländlichen Gebieten leben in nächster Nähe zu den infizierten Tieren, von denen diese Krankheiten ausgehen. Häufig jagen sie Wildtiere und essen deren Fleisch, wodurch die Möglichkeit einer Infektion besteht. Arme wissen nicht, wie sich - vor allem unbekannte - Krankheiten ausbreiten. Dadurch weisen diese Menschen eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, sich zu infizieren und andere anzustecken. Außerdem ist ihr Immunsystem aufgrund schlechter Ernährung und des fehlenden Zugangs zu grundlegender Gesundheitsversorgung geschwächt und deshalb anfälliger für Infektionen.

Schließlich hinken die erforderlichen medizinischen Reaktionsmaßnahmen, einschließlich der Entwicklung von Diagnoseinstrumenten, wirksamen Medikamenten und Impfstoffen den neu entstehenden Krankheiten zwangsläufig hinterher. Um darauf in industriellem Maßstab zu reagieren (beispielsweise mit Millionen Impfdosen oder anderen Medikamenten im Fall schwerer Epidemien), bedarf es innovativer Biotechnologie, Immunologie und letztlich des Bioengineerings.

Die Aids-Krise bewirkte beispielsweise, dass Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung aufgewendet wurden, um lebensrettende antiretrovirale Medikamente auf globaler Ebene herzustellen. Doch jeder Durchbruch führt unweigerlich zu einer Mutation des Erregers, wodurch frühere Behandlungen weniger wirksam werden. Es gibt keinen endgültigen Sieg über die Krankheit, sondern nur ein stetiges Wettrüsten zwischen Menschen und den Krankheitserregern.

Ist die Welt also für Ebola, eine neue tödliche Grippe, eine die Krankheitsübertragung beschleunigende HIV-Mutation oder die Entstehung neuer mehrfachresistenter Malariastämme oder anderer Pathogene gerüstet? Die Antwort lautet: Nein.

Obwohl die Investitionen in die öffentliche Gesundheit nach 2000 beträchtlich anstiegen und bemerkenswerte Erfolge im Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria zeitigen, ist in letzter Zeit ein deutlicher Rückgang der globalen Ausgaben in Relation zum Bedarf zu verzeichnen. Da es den Geberländern nicht gelang, neue und bestehende Herausforderungen zu antizipieren und darauf zu reagieren, hat man der WHO die Zuwendungen drastisch gekürzt. Auch die Mittel für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria unterschreiten die benötigten Summen bei weitem.

Was ist zu tun? Zunächst sollten USA, EU, Golfstaaten und ostasiatische Länder einen flexiblen Fonds unter Führung der WHO einrichten, um die aktuelle Ebola-Epidemie einzudämmen. Abhängig von weiteren Entwicklungen könnte dieser Fonds zunächst mit 50 bis 100 Millionen Dollar dotiert sein. Dies würde eine rasche Reaktion im Bereich öffentlicher Gesundheit ermöglichen, die der Herausforderung gerecht wird.

Zweitens sollten die Geberländer unverzüglich sowohl Budget als auch Mandat des Globalen Fonds erweitern, so dass dieser zu einem globalen Gesundheitsfonds für Länder niedrigen Einkommens wird. Hauptziel wäre, den ärmsten Ländern zu helfen, eine gesundheitliche Grundversorgung in jedem Slum und in jeder Landgemeinde einzurichten. Das Konzept ist als Universal Health Coverage bekannt. Am vordringlichsten sind diese Maßnahmen in Subsahara-Afrika und in Südasien, wo die gesundheitlichen Bedingungen und die Armut am schlimmsten sind und vermeidbare Infektionskrankheiten wüten.

Vor allem sollte man in diesen Regionen neue Gesundheitsfachkräfte ausbilden und einsetzen, die darin geschult sind, Krankheitssymptome zu erkennen, die Patienten zu überwachen, Diagnosen zu erstellen und Behandlungen zu verabreichen. Zu Kosten von fünf Milliarden Dollar jährlich könnte man sicherstellen, dass Gesundheitsfachkräfte in jeder afrikanischen Gemeinde zur Verfügung stehen, um Interventionen vorzunehmen und effektiv auf Notfälle wie Ebola zu reagieren.

Schließlich müssen Länder hohen Einkommens weiter ausreichend in die globale Krankheitsüberwachung, die Reichweitenkapazität der WHO und in lebensrettende biomedizinische Forschung investieren, die stets enormen Nutzen für die Menschheit brachte. Trotz belasteter nationaler Haushalte wäre es leichtsinnig, unser nacktes Überleben zum Gegenstand von Sparmaßnahmen zu machen. (Jeffrey D. Sachs, aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier, DER STANDARD, 20.8.2014)

Jeffrey D. Sachs (59) ist Professor für nachhaltige Entwicklung, für Gesundheitspolitik und Gesundheitsmanagement sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University.

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