Weiter Wut nach sechs tödlichen Schüssen

19. August 2014, 17:38
157 Postings

Ferguson kommt nicht zur Ruhe. Auch Appelle von US-Präsident Barack Obama und der Einsatz von Bürgerrechtler Jesse Jackson können die Situation nicht entspannen

Ferguson - Eigentlich müsste der 29-jährige Darrell Bryant zu seiner Schicht in einer Plastikfabrik. Aber wegen der Unruhen in Ferguson fällt die Schule auf unbestimmte Zeit aus, und Darrell senior muss sich um Darrell junior kümmern, seinen Achtjährigen. Ich treffe die beiden frühmorgens vor dem Tankstellen-Torso in Ferguson, wo zu dieser Zeit noch kein Versammlungsverbot gilt.

Das verbogene Fragment einer Neonröhrenfassung baumelt über angesengten Metallregalen. In den Maschendrahtzaun hat jemand eine Rose gesteckt. Das Gebäude wurde geplündert und angezündet, kurz nachdem der Tod des Teenagers Michael Brown die ersten Unruhen ausgelöst hatte.

Darrell Bryant ist wütend auf die Polizei, auch wenn er sich bemüht, seine Wut in druckreife Sätze zu kleiden. Normalerweise tritt die Ausgangssperre, die seit ein paar Tagen in Ferguson herrscht, exakt um null Uhr in Kraft. In der Nacht zum Montag aber, der schlimmsten Unruhenacht, fordert die Polizei die Demonstranten auf, schon drei Stunden vorher nach Hause zu gehen.

"Will nicht Kollateralschaden werden"

Als sie nicht Folge leisten, bricht das Chaos aus. "Mann, ich verstehe nicht, warum die Cops uns so schikanieren müssen", schimpft Bryant. "Ich will nicht zum Kollateralschaden eines Krieges werden."

Arthur Nixon, 68, einst als mit der US-Armee in Deutschland stationiert, kann nicht begreifen, weshalb es so lange dauert, die Umstände aufzuklären, die zum Tod Browns führten. Nach einer zweiten, genaueren Obduktion der Leiche steht inzwischen fest, dass Brown sechsmal getroffen wurde, zweimal am Kopf. Solange Darrell Wilson, der Polizist, der die Schüsse abgab, nicht vor einer Geschworenenjury vor Gericht steht, wird Ferguson ein Hexenkessel bleiben, prophezeit Nixon.

Unauflösbarer Widerspruch

Craig Cheatham, Fernsehreporter des Lokalsenders, sieht einen Widerspruch, der sich vorläufig nicht auflösen lässt. Die Ermittler wollten so lange wie möglich in Ruhe ermitteln, das Puzzle des Todesfalls akribisch zu einem Gesamtbild zusammensetzen, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen.

Die Öffentlichkeit, zumindest die aufgebrachten Bewohner von Ferguson, verlange das genaue Gegenteil, sie dränge auf schnelle Informationen. "Solange nicht sämtliche Beweise vor einem Richter auf den Tisch kommen, werden Gerüchte und Halbwahrheiten die Tatsachen ersetzen."

Am frühen Vormittag trifft Bürgerrechtler Jesse Jackson an der Tankstellenruine ein. Der Reverend kommt, um Wogen zu glätten, um beruhigend einzureden auf die Menschen. Er spricht leise, so leise, dass man ihn kaum verstehen kann. Wie schwer es Schlichter wie er in diesen Tagen haben, macht schon der kurze Wortwechsel mit Lorenzo deutlich, einem hochaufgeschossenen Mittdreißiger, der so laut einschreit auf Jackson, als hätte er ein Megafon vor den Lippen. "Jahrelang hab ich die Ruhe bewahrt, und was hab ich dafür bekommen? Ich wurde nur ignoriert, als wäre ich Luft", empört sich Lorenzo.

"Hands up! Don't shoot"

Ortswechsel. Canfield Drive. Wie ein asphaltiertes Schlängelband zieht sich die schmale Straße durch Ferguson. Kein Ghetto, überhaupt nicht, die ghettoähnlichen Schwarzenviertel amerikanischer Großstädte, Los Angeles, Baltimore oder Philadelphia, liegen auf einem anderen Stern. Eher ist das hier Suburbia wie aus dem Bilderbuch, wenn auch nur äußerlich. Hier wurde Michael Brown erschossen, ein Schrein auf dem gelben Mittelstreifen des Canfield Drive markiert den Ort der Tragödie. Kerzen, Sonnenblumen, Plüschteddys. Ein kleines Holzkreuz. "Hands up! Don't shoot", steht in schwarzen Lettern auf einem blütenweißen T-Shirt. "Nicht schießen!": Angeblich sollen es die letzten Worte des Teenagers gewesen sei.

Die Nationalgarde, eingesetzt, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, macht nach Analyse eines Anrainers, alles nur noch schlimmer. Die Panzerfahrzeuge, die Helme, der ganze militärische Habitus: "Damit wird die Kluft zur lokalen Community nur noch ein Stück größer", sagt Boyd. "Das schürt nur den Frust, und eines ist klar: Die Leute gehen nicht weg, es ist ja ihr Viertel." (Frank Hermann aus Ferguson, DER STANDARD, 20.8.2014)

Share if you care.