Posterboy-Giovanni in XXL

19. August 2014, 17:09
1 Posting

"Furies, Beasts and Servants": Robert Longo hat einige Biester, Archetypen aus Oper und Leben, in das Große Festspielhaus in Salzburg gebracht. Die könnten zwar auf der Bühne bestehen, zerschellen aber an der Oberfläche eines Pausenfoyers

Salzburg - Eine Kohlezeichnung des Kapitols in Washington, elf Meter breit, drei Meter hoch. Gigantisch groß wie die Details einer im Wind flatternden amerikanischen Flagge. Riesig auch das Bild einer Schusswaffe. Für Robert Longo ist das Monumentale amerikanisches Prinzip und "Big is beautiful" die Mentalität, auf die sich Peter Gabriel im Hit Big Times bezog: "And our heaven will be a big heaven. And I will walk through the front door."

Das XXL-Format von Longos Arbeiten ist allerdings keine Huldigung, sondern vielmehr amerikakritisch zu verstehen. Er bläst die Sujets so groß auf, dass sie die physische Präsenz von Skulpturen erhalten. So kommt man nicht mehr an ihnen vorbei, kann sich den ikonenhaften Bildern unserer Tage - global verbreitete und tausendfach reproduzierte Fotos aus Fernsehen, Magazinen, Werbung - nicht mehr entziehen.

Denn der 1953 in Brooklyn, New York, geborene Künstler, der Anfang der 1980er-Jahre schlagartig mit seinen Zeichnungen von Frauen und Männern in exaltierten, tänzerisch-verdrehten Posen bekannt wurde (Men in the Cities), zählt wie Barbara Kruger oder Richard Prince zur sogenannten "Pictures Generation". Pictures lautete 1977 der Titel einer New Yorker Gruppenschau, die eine neue Künstlergeneration charakterisieren sollte: Aufgewachsen mit den Massenmedien, hatte man bereits Erfahrung mit der Kluft zwischen medialer Realität und Tatsachen gemacht. Man eignete sich die wirkmächtigen, verführerischen Bilder an; aber anders als die Pop Art schürte man das Misstrauen. Konzept statt Expression.

Tritt man nahe an Fotos in schwarz-weiße Kohlezeichnungen überführende Arbeiten heran, wird die tiefschwarze Kohle zur abstrakten Fläche: Seine Kunst bestünde aus Schmutz und Staub, aus verbrannten Bäumen, sagt Longo. Politik, Religion - konkreter: Themen wie Tod, Macht, Autorität - bestimmen sein Werk.

Vor diesem Hintergrund muss man auch die rund zwanzig Arbeiten Longos lesen, die im Großen Festspielhaus verteilt zu sehen sind (eine Kooperation mit der Galerie Ropac): Don Giovanni als ein der Parfümwerbung entstiegener hedonistischer Posterboy schwört die Auflehnung geradezu herauf; seine amourösen Opfer, Donna Anna, Elvira und Zelina - ekstatisch und selbstvergessen - verlangen nach einem Abgleich mit zeitgemäßeren Frauenbildern.

Dass sich hier solch' gesellschaftskritische Wirkräume auftun, mag bezweifelt werden. Zum einen, da die Foyers Orte der Passage sind: Potenzielle Betrachter bewegen sich hier in andere Erzählungen hinein oder heraus, sind bestenfalls Gefangene der Opfer und deren Bilder (1993 kreierte Longo etwa das Bühnenbild für Lucio Silla) - oder ihrer Champagnerplauderei. Zum anderen, weil Longos Arbeiten hier nicht zu stören vermögen: Man kommt an ihnen vorbei! Ihre Intensität ordnet sich der Funktion des Raumes unter: Die vor einem roten Vorhang platzierte Bronzefigur All You Zombies zitiert sogar Inszenierungsformen der Bühne. Der Rahmen macht's - ein veralteter Satz, hier stimmt er. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 20.8.2014)

Bis 30.8.

  • "All You Zombies: Truth Before God", heißt dieses Monster von Robert Longo, das das Weltengericht anzukündigen scheint.
    foto: philippe servent

    "All You Zombies: Truth Before God", heißt dieses Monster von Robert Longo, das das Weltengericht anzukündigen scheint.

Share if you care.