"Der Rausch ist womöglich überhaupt der klarste Zustand"

Gespräch19. August 2014, 17:24
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Jörg Widmann als Composer in Residence in Grafenegg

Grafenegg - Ideenengpässe mögen existieren. Ein größeres Problem sei die Ideenfülle, die Ausdruckswut, die Jörg Widmann womöglich schon seit jenen Tagen begleitet, da er, der Siebenjährige, zur Klarinette gegriffen hatte. Ideenfülle ziehe ja erst die wirklichen Schreibprobleme nach sich: jenes der Weiterentwicklung der Idee und der richtigen Werkform.

"Einfälle zu haben ist toll. Sie aber weiterzuspinnen ist das Essenzielle. Es würde mich langweilen, nur eine nackte Idee so hinzusetzen", so Widmann, der betont, zwar eine durchdachte Musik anzustreben, "bei der keine Note zufällig dasteht". Hochemotional müsse sie dennoch sein. "Ich versuche große Dichte zu erzeugen, bei der sich alles aufeinander bezieht. Mir schwebt aber ein glühender Kontrapunkt vor, kein akademischer."

Komponieren ist natürlich eine der einsameren Tätigkeiten. Widmann indes hat das Glück der Doppelbegabung. Als Komponist ist er einer der Gefragtesten; auch als Klarinettist kann er sich jedoch über Konzertmangel nicht beklagen. Der Wechsel vom Interpretieren zum Komponieren ist für ihn wichtig - er will aber behutsam vollzogen werden. "Ich kann nach einem Konzert nicht den Schalter umlegen und komponieren. Das klingt schon nach, was man gespielt hat; oft ist man auf glückliche Art und Weise fix und fertig. Nach etwa zwei Stunden geht es dann meist, wobei das Komponieren wiederum eine ganz andere Welt, mit anderen Herausforderungen darstellt - bei aller Routine, die man vielleicht schon hat."

Von der emotionalen Seite her herrschen gleichzeitig "Freude und Angst bezüglich dessen, was da entsteht. Es tun sich Abgründe auf, und am Beginn eines Stückes fühlt man sich wie jemand, der noch nie etwas geschrieben hat." Womöglich sei aber genau dies der Grund, "warum wir das alles machen. Man gerät beim Schreiben in extreme Zustände, kann nicht schlafen, macht weiter in einer Art Rausch - und Rausch ist womöglich der klarste Zustand überhaupt. Er trägt uns über uns hinaus", meint Widmann, der natürlich nicht verleugnet, dass handwerkliche Erfahrung unerlässlich ist.

Miles Davis und Boulez

"Ich komme von der Kammermusik, es war ein steiniger Weg zum großen Orchester. Da habe ich viel falsch gemacht: Bei meinem ersten Orchesterstück, das ich längst zurückzog, habe ich elf Schlagzeuge vorgesehen und gedacht, das wäre imposant. Das Gegenteil war der Fall: Hier ,pling', dort ,plong', dazu möglichst alle Orchesterfarben gleichzeitig. Es wirkte nur grau. Das ging also nicht ohne Schmerzen", so der Münchner (Jahrgang 1973), der auch bei Hans Werner Henze gelernt hat und Pierre Boulez wie Miles Davis als Einflüsse nennt.

"Für die Konzerte von Davis habe ich mein Taschengeld verprasst, er hat mich harmonisch beeinflusst. Und ohne Boulez würde ich wohl gar nicht komponieren. Als ich das erste Mal seinen Dialogue de l'ombre double hörte, war ich von dieser Farbpracht überwältigt." Von der Substanz seiner Musik kann man sich zurzeit in Grafenegg überzeugen. Widmann ist dort für einige Wochen sesshaft, ist Composer in Residence, der zudem Workshops abhält und auch spielt. Am Donnerstag wird etwa seine Suite aus der Babylon-Oper uraufgeführt.

"War auch eine harte Nuss: Es ist ja fast unmöglich, drei Stunden Musik auf eine halbe Stunde zu reduzieren. Nach langem Grübeln habe ich mich also entschlossen, die Suite als eigenes Stück zu denken. Ich wollte die Teile nicht einfach aneinanderkleben, da bin ich Übergangsfetischist, will organisch von einem Teil zum nächsten. Der Anfang ist überhaupt komplett neu, und das Ganze hat eine neue Architektur. Beibehalten habe ich jedoch die riesige Instrumentierung ..." Bei aller Liebe zur Kammermusik. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 20.8.2014)

  • Jörg Widmann ist dieser Tage in Grafenegg.
    foto: lukas barth/dapd

    Jörg Widmann ist dieser Tage in Grafenegg.

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