Was Europa gegen den islamistischen Terrorismus tun könnte

19. August 2014, 16:30
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Europas Zukunft hängt von einer gegenseitigen Befruchtung von Religion und säkularer Moderne ab

Zur Zeit von Saddam Hussein lebten ca. 1,5 Millionen Christen im Irak, ebenso hunderttausende Angehörige anderer religiöser Minderheiten (Jesiden, Mandäer). Derzeit werden die letzten Angehörigen dieser Religionen, die im heutigen Irak schon vor dem Islam verbreitet waren, vertrieben oder ermordet.

Sunnitisch-islamische Länder und Kulturen

Dies ist die Spitze eines Eisberges, der von Nigeria bis Malaysia reicht. In vielen Ländern mit sunnitisch-islamischer Mehrheit sind Christen und andere religiöse Minderheiten einer zunehmenden Repression ausgesetzt, die oftmals in Vertreibung und sogar physischer Auslöschung endet.

Hinzuzufügen ist, dass auch innerhalb des sunnitischen Islams traditionelle, tolerantere Rechtsschulen und spirituelle Praktiken bekämpft und an den Rand gedrängt werden. Die sunnitisch-islamische Welt erleidet auf diese Weise eine zunehmende geistige und religiöse Verarmung.

Diese Tendenz hängt damit zusammen, dass die sunnitisch-islamischen Staaten und Kulturen, wie andere nichteuropäische Kulturen auch (man denke z. B. an Indien und den dort auftretenden hinduistischen Fundamentalismus), ihr sittlich-geistiges Fundament durch die okzidentale kulturelle Globalisierung und den via Medien exzessiv betriebenen Export von westlichen Sicht- und Denkweisen massiv untergraben sehen und mit entsprechender Aggression reagieren.

Hintermänner und Finanzströme untersuchen

Nicht zu vernachlässigen sind aber auch innerislamische Entwicklungen. In deren Rezeption bringt sich eine beispiellose Heuchelei der europäischen Politik zum Ausdruck.

In Europa werden routinemäßig die Abscheu vor Terrorakten in Nigeria, dem Irak oder Syrien zum Ausdruck gebracht, um sofort darauf zur Tagesordnung überzugehen. Tatsächlich wird niemand bestreiten, dass die militärisch-politischen Mittel der EU limitiert sind. Allerdings hindert die Union, außer wirtschaftlichen Interessen und politischer Ignoranz, nichts daran, Hintermänner und Finanzströme, die extremistische Entwicklungen in diesem Ausmaß überhaupt erst ermöglichen, zu untersuchen und einer interessierten Öffentlichkeit zugängig zu machen.

Strukturen, wie sie Boko Haram in Nigeria oder die IS-Jihadisten im Irak entwickelt haben, entstehen nicht von selber, sondern setzen ein komplexes Netz wirtschaftlicher, militärischer und ideologischer Unterstützung voraus. Weltweit macht sich ein immer stärkeres Vordringen extremistischer islamistischer Ideologien in Koranschulen, Moscheen und islamischen Sozialeinrichtungen bemerkbar.

Genau hier führt eine Spur zur wahabitischen Ideologie in Saudi-Arabien, dem Land mit der neben Nordkorea brutalsten Unterdrückung religiöser und weltanschaulicher Minderheiten, und Quatar, dem Austragungsort einer der nächsten Fußball-Weltmeisterschaften, für deren Vorbereitung tausende Arbeiter in Sklaverei gehalten werden.

Verdachtsmomente gegen Saudi-Arabien und Katar

Hinzuzufügen ist, dass die politischen und ideologischen Realitäten in den beiden genannten Staaten komplex sind und auch, etwa seitens des gegenwärtigen saudischen Königs, Reformbemühungen und Signale des Dialogs erkennbar sind. Dies ändert aber nichts daran, dass massive Verdachtsmomente gegen Saudi-Arabien und Katar vorliegen, Ausgangspunkte der Finanzierung extremistischer Indoktrination in der gesamten sunnitisch-islamischen Welt zu sein.

Die Europäische Union und ihre Institutionen müssten Experten aus Politik und Wissenschaft den Auftrag erteilen, den Hintergründen des islamistischen, meist sunnitischen Terrorismus und seiner ideologischen Paten nachzugehen und diese öffentlich zu thematisieren. Wenn dafür die Tatsache nicht reicht, dass hunderttausende Muslime, Christen, Juden und Säkulare zu Opfern sunnitischer Extremisten werden, so müsste es wenigstens die politische Klugheit fordern.

Abgesehen von Flüchtlingsströmen, die oft Konsequenz islamistischer Agenda sind, erlebt Europa, allem voran voran Österreich, einen massiven Vormarsch rechter und extrem rechter Parteien. Immer mehr Menschen wählen diese Parteien nicht deshalb, weil sie Abstiegsängste hätten oder Modernisierungsverlierer wären, sondern weil sie Angst vor dem Islam haben. In Österreich wird man davon ausgehen können, dass die neuesten Ereignisse im Irak Strache zehntausende von weiteren Stimmen einbringen werden.

Europas Zukunft hängt von einer gegenseitigen Befruchtung von Religion und säkularer Moderne ab. Dies impliziert das Gelingen der Integration muslimischer Narrative in das europäische Selbstverständnis. Voraussetzung dafür ist aber eine nicht nur rhetorische Verurteilung totalitärer islamistischer Positionen, sondern auch die Thematisierung des Einflusses von Saudi-Arabien und Katar auf globale sunnitische Extremismen.

Kurt Appel, Universitätsprofessor und Sprecher der Forschungsplattform Religion and Transformation in Contemporary European Society (RaT) der Universität Wien

  • Artikelbild
    foto: ap (hani mohammed)
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