Warum die Ice Bucket Challenge wenig bringt

Userkommentar19. August 2014, 15:48
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Der Schriftführer eines Vereins, der sich für ALS-Patienten einsetzt, hält nichts von Social-Media-Aktionismus

Als Schriftführer des Vereins Wieso, der sich seit langem für ALS-Patienten einsetzt, kann ich nur folgenden Kommentar zu den derzeitigen Ice Bucket Challenge Aktionen abgeben: Es ist meiner Meinung nach verlogen, wenn sich österreichische Prominente Eiswasser über den Kopf schütten und für ALS-Patienten spenden, gleichzeitig aber die UN-Behindertenrechtskonvention in Österreich weiterhin nicht umgesetzt wird.

ALS-Betroffene haben in Österreich keinen Rechtsanspruch auf Hilfsmittel (wie übrigens alle anderen Behinderten auch) und müssen diverse Anträge an die verschiedenen Kostenträger auf Kostenübernahme für ihre benötigten Hilfsmittel stellen, damit diese dann letztlich nur zu einem Teil ausfinanziert werden.

Diskriminierung

Die restlichen Kosten (bei einem Sprachcomputer, der mittels Augen gesteuert werden kann bis zu 8.000.- Euro) müssen sie dann von caritativen Hilfsorganisationen zusammenbetteln. Die ALS-Betroffenen und auch andere Behinderte werden in Österreich besonders von den staatlichen Stellen als Almosenempfänger behandelt, müssen bis zu eineinhalb Jahre auf ihre Hilfsmittel warten und müssen ständig diskriminierende Begründungen in Ablehnungen lesen.

Diese Bekannten, die derzeitig sich so "toll" für ALS-Patienten einsetzen, sind, wenn es um die Umsetzung eines Rechtsanspruchs auf Hilfen und Hilfsmittel für österreichische Betroffene geht, womöglich die ersten, die dann gegen solche Gesetzgebungen nicht nur sind, sondern sie auch nicht umsetzen.

Vertröstung

Seit 2008 warten die Behinderten auf die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und werden weiterhin vertröstet. Der Nationale Aktionsplan, der für die Umsetzung sorgen sollte, enthält nur wenn, kann und würde Formulierungen und diese auch nur nach den budgetären Mitteln, also nach heutigem Stand nie.

Wir betreuen übrigens als Verein Wieso mehrere ALS-Patienten und haben das große Problem, dass alle diese Menschen ihre Hilfen und Hilfsmittel nicht ausfinanziert bekommen und demnach häufig nicht versorgt sind.

Kostenfreie Hilfsmittel

Politiker und die Fernsehprominenz sollte sich nicht an solchen Ice Bucket Challenge Aktionen beteiligen oder sie gutheißen, sondern dafür sorgen, dass hier in Österreich die Behinderten ihre benötigten Hilfsmittel kostenfrei erhalten, zudem sie sowieso meistens schon Mindestpensionisten oder Invalidenpensionisten sind und über keine finanziellen Mittel verfügen, sich diese selbst bezahlen zu können.

Behinderte dürfen keine Almosenempfänger sein

Wir müssen in Österreich endlich aufhören unsere Behinderten zu Almosenempfängern und Bettlern zu machen. Eine vollständige Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Österreich wäre der erste dringende Schritt. (Andreas Peters, derStandard.at, 19.8.2014)

Andreas Peters ist Schriftführer des Vereins Wieso, der sich seit langem für ALS-Patienten einsetzt.

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