Moral und Kontrolle für die staatlichen Bühnen

19. August 2014, 17:13
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Die konservativ-religiöse Regierung der Türkei zieht nun die Zügel an, die private Kulturszene lässt dies kalt

Ali Baba und seine 40 Räuber zum Beispiel passen. Mi Minör dagegen, ein Stück über einen fiktiven Staat Pinima, wo die Tonart e-Moll verboten ist, aber sonst jeder alles darf, was der Präsident genehmigt, passt nicht so. Schauspieler und Regisseur Mehmet Ali Alabora von Mi Minör ist die Hassfigur der türkischen Islam-Boulevardpresse. Märchenoperkomponist Selman Ada dafür ein Liebling der konservativ-religiösen Regierung. Ada ist gerade Generaldirektor der türkischen Staatsoper und des Balletts (DOB) geworden. Auch sein Vorgänger hat nicht mehr in den offiziellen Kulturbetrieb gepasst.

"Es wird immer enger, aber die Künstler haben ohnehin schon längst die Hoffnung aufgegeben", sagt Ahmet Oran, der zwischen Wien und Istanbul pendelnde Maler. Vom türkischen Staat erwartet sich zumindest die private Kunstszene nichts. Manche opponieren, andere kapseln sich ab: Eine Retrospektive von Füsün Onur, die jüngst die Istanbuler Galerie Arter in der Istiklal-Straße zusammenstellte, zeigte unter anderem Elegie für Tekir - eine Hommage auf den verstorbenen Kater der bekannten türkischen Künstlerin. Durch den staatlichen Kulturbetrieb aber weht nun der Wind der islamistischen Regierung. Die will Moral und Kontrolle.

Ali Baba-Komponist Ada hatte im Juli den seit sieben Jahren amtierenden DOB-Chef Rengim Gökmen ersetzt und kurz darauf den Istanbuler Staatsopern- und Ballettdirektor Suat Arikan über dessen Entlassung informiert. Gökmen und Arikan hatten die Pläne der Regierung kritisiert, einen neuen elfköpfigen "Kulturrat" zu schaffen. Der soll künftig die Kunst auf türkischen Bühnen leiten und fördern.

Tüsak, wie das Gremium heißt, werde die 55 staatlichen Opern- und Theaterhäuser in der Türkei einfach schließen und die Angestellten zu freien Dienstnehmern machen, warnen Schauspieler und Regisseure. Sie protestieren immer wieder auf den Straßen. Öffentliche Kultur werde künftig nur noch von der Partei und deren konservativen Bürgermeistern in der anatolischen Provinz entschieden.

Alles Unsinn, versicherten der scheidende türkische Staatspräsident Abdullah Gül und Ömer Çelik, der Exjournalist und Minister für "Kultur und Tourismus", wie das Ressort offiziell heißt. Tüsak werde Kulturprojekte mit bis zu 50 Prozent ihres Finanzbedarfs fördern; die staatlichen Bühnen - eine Errungenschaft der kemalistischen, zum Westen gewandten Republik - würden nicht geschlossen, sondern "umgebaut". Umgerechnet 63 Millionen Euro Jahresbudget für die Staatsbühnen in der Türkei und nur 1,6 Millionen für die privaten seien ja wohl unausgewogen, argumentieren sie.

Doch Tayyip Erdogan selbst drohte schon 2012 mit der Privatisierung aller Bühnen. Elitismus und "despotische Arroganz" wirft er ihnen vor. Erdogans Tochter Sümeyye war zuvor aus einer Vorstellung des Staatstheaters in Ankara gestürmt, wo ein Schauspieler ihr gegenüber obszöne Gesten gemacht haben soll.

Lange war der staatliche Kulturbetrieb in der Türkei gegen die Islamisierung des öffentlichen Lebens scheinbar immun. Die alte republikanisch-säkulare Kultursphäre und eine konservative, traditionellere Kultur, in der Frauen, die der AKP nahestehen und Erdogan bewundern, eine erhebliche Rolle spielen, gingen jahrelang nebeneinander, ohne sich zu berühren, erklärt Vasif Kortun, Direktor des 2011 eröffneten Kulturforums Salt in Istanbul und eine der wichtigsten Stimmen der türkischen Kunstszene.

Istanbul als "Machtkorridor"

Für den privaten Kunstbetrieb sei die Regierungspolitik allerdings völlig unerheblich, sagt Kortun: "Wir spüren ganz sicher keinen Druck. Für jeden gibt es hier Platz, um sich künstlerisch auszudrücken." Istanbul sei ein "Machtkorridor" wie Hongkong oder Dubai, so der Salt-Direktor, ein Ort, an dem Wirtschaftsmärkte zusammentreffen und mit eigener Geschichte. Die aber habe nur wenig mit der heutigen Situation der Stadt zu tun. "Istanbul steht unter der Hegemonie visueller moderner Kunst wie alle anderen Weltstädte auch." Ali Baba und Erdogans Familienopern sind da nur Beiwerk. (Markus Bernath, DER STANDARD, 20.8.2014)

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