Männermagazine: Das Heft in die Hand nehmen 

Kolumne20. August 2014, 11:26
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Anders, als man denkt, und doch irgendwie so, wie man befürchtet hat. Wer Männermagazine liest, kann Überraschungen erleben – gute wie schlechte. Und sich zwischendurch gepflegt langweilen

Wie "der neue Mann" aussehen könnte, was ihn umtreibt und was von ihm verlangt wird, beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Ganz besonders interessieren mich dabei Versuche, Männer qua Geschlecht als homogene Gruppe anzusprechen. Also nicht als Bayern, Muslime, Väter, Hobbyarchäologen oder Singles. Sondern als DEN MANN.

Männermagazine probieren genau das. Deshalb habe ich für diese Kolumne in aktuellen ("GQ", "Men's Health", "Playboy", "Gala Men") und vergangenen ("FHM", "Matador", "Maxim") Magazinen geblättert, die heterosexuelle Männer als Zielgruppe anvisieren, und mir ein Bild gemacht. Manches fand ich spannend, das meiste langweilig, zu vieles einfach grauenhaft. In jedem Fall ist es eine sehr seltsame Welt, die Mann dort präsentiert bekommt.

Auf der einen Seite propagieren Männermagazine ein stereotypes, unflexibles Rollenbild, das sexfixiert, sportbegeistert und autobesessen durchs Leben taumelt. Auf der anderen Seite müssen gerade auch diese Magazine auf gesellschaftliche und zeitgeistliche Veränderungen reagieren, weil sie sich nicht an eine Leserschaft verkaufen lassen, die in ihrer Identität und ihren Interessen längst nicht mehr da steht, wo die Leitlinien der Blätter es noch vermuten.

Licht und viel Schatten

Welche Motive man dahinter auch vermuten mag: Fakt ist beispielsweise, dass die "GQ" ("Gentlemen's Quarterly") der Sängerin Anastacia 2013 einen Preis für ihre Bemühungen um die Früherkennung von Brustkrebs verliehen hat. Man wird also weder den Journalisten und Journalistinnen, die ein solches Magazin gestalten, noch der Zielgruppe gerecht, wenn man im Vorfeld urteilt, dass sich die Beteiligten wohl nur aus einem Grund für weibliche Brüste interessieren können. Wenn man demnach wissen will, was Männer und diejenigen, die für sie recherchieren, schreiben und Werbeanzeigen schalten, bewegt, muss man schon genauer hinschauen. Da ist Licht, aber auch viel Schatten.

Positiv lässt sich festhalten, dass Männermagazine nicht zwingend so eindimensional daherkommen, wie die Covergestaltung vermuten lässt: Interviews, Dossiers, Reportagen – die Verantwortlichen tun einiges, um sich journalistisch vom Schema "mit Titten garniertes Machoheftchen" abzugrenzen. Wobei diese Vorgehensweise nicht neu ist. Der "Playboy" als Quasi-Erfinder genau dieses Schemas macht das seit Jahrzehnten vor. Und auch thematisch versucht man sich ein bisschen breiter aufzustellen. Einem Kolumnisten der "GQ" kann mittlerweile schon einmal auffallen, dass er noch über andere emotionale Beziehungen verfügt als die zu Frauen und den eigenen Kindern/Eltern und dass es schmerzt, wenn sie in die Brüche gehen.

Womit wir allerdings auch gleich beim Negativen wären. Ein Mann, der erfreulicherweise in der Lage ist zu bemerken, dass ihm der beste Freund fehlt, nennt die Sexualpartnerin, mit der er sich verabredet, "Notfallfrau". Hurra aber auch! Glückwunsch an den Verfasser für die sprachliche Nähe zum Euphemismus "Trostfrauen". Jenen Mädchen und jungen Frauen also, die während des Zweiten Weltkriegs dazu gezwungen wurden, sich in japanischen Bordellen zu prostituieren.

Fragil ist unmännlich

Das klingt nach einem in die Jahre gekommenen Pausenhof-Slang, den Mann in einem Alter gesprochen hat, als ihm leider nie die Frage in den Sinn gekommen ist, wieso er eigentlich dasjenige, was er am meisten begehrt, mit abfälligen Begriffen bezeichnet.

Aber Männer sind ja sowieso irgendwie nur große Jungs, die spielen wollen. Auf der Arbeit, zu Hause, im Bett. Oder nicht? In Männermagazinen scheint man sich da nicht mehr so sicher zu sein. Ab und an versucht man hier und da, Raum für die Darstellung von anderen, noch wenig oder gar nicht gezeigten Facetten zu schaffen, um sich schlussendlich doch allzu oft ins Schema M zu flüchten.

So hat sich inzwischen der Eindruck durchgesetzt, dass moderne Männer nicht nur scheitern, sondern auch scheitern dürfen. Burnout, Depression, Beziehungsende – das alles wird thematisiert und durchaus als zum Mann gehörig markiert. Es ist die Art und Weise, wie, die zu selten über holzschnittartige Beschreibungen hinauskommt. In ihnen wirken Männer wie kaputte Dinge, die repariert werden können und müssen. Schrauben Sie hier ein bisschen an Ihrer Seele, hämmern Sie da ein wenig an Ihrem Ego, und dann passt es wieder. Für alles existieren Anleitungen, Workouts und To-do-Listen.

Was es hingegen wenig zu geben scheint: den Wunsch, die Kontrolle abzugeben. Hausmänner. Große Gefühle. Nichtsexuelle Beziehungen zu Frauen. Denn es darf nicht fragil wirken. Fragil ist unmännlich. Mann muss Macher bleiben. Wenn nichts mehr geht, kann Mann ja immer noch etwas machen. Weibliche Orgasmen beispielsweise. Drücken, ziehen, Stoßzeit berechnen.

Nur ein flüchtiger Blick

Alles eine Frage der Technik. Nicht etwa der Menschen oder der Gefühle. Männermagazine glauben, sich auf das Wesentliche zu fokussieren, während sie dann doch nur zu engstirnig oder unbeholfen sind, um mehr als einen flüchtigen Blick über den Tellerrand zu werfen.

In der September-Ausgabe des "Playboy" fragt sich der Chefredakteur angesichts der gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen, in was für einer Männerwelt wir eigentlich leben, und will wissen, wer in diesen Konflikten Held und wer Schurke ist. Eine berechtigte Frage. Aber gibt es sonst nichts? Wer ist eigentlich der geflüchtete und wer der gerettete Mann? Wer der verwundete, der traumatisierte, der glückliche, der gleichgültige, der helfende und der abweisende Mann? Und was bewegt diese Männer? Mit Texten darüber ließe sich bestimmt ein ganzes Magazin füllen. (Nils Pickert, dieStandard.at, 20.8.2014)

  • Der "Playboy" will schon lange mehr als ein Machoheftchen mit viel nacktem Busen sein.
    foto: reuters/eric gaillard

    Der "Playboy" will schon lange mehr als ein Machoheftchen mit viel nacktem Busen sein.

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