Ferguson: Dank Twitter im Zentrum der Aufmerksamkeit

19. August 2014, 13:09
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Durch Hashtag-Aktivismus wurde Aufmerksamkeit erzeugt – der Facebook-Algorithmus und große Medienhäuser ignorierten Geschehnisse anfangs

Bei den Geschehnissen in Ferguson geht es um einiges: Diskriminierung von Minderheiten, die Militarisierung der Polizei oder deren Umgang mit Demonstranten. Zusehends geht es aber auch um Pressefreiheit – und das große Thema Netzneutralität. Denn ohne Twitter und seinen Hashtag #Ferguson wäre der Ort in Missouri wohl nie derart ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, wie die Harvard-Soziologin Zeynep Tufekci analysiert.

"Oft ignoriert"

Denn kurz nach den tödlichen Schüssen auf den unbewaffneten 18-jährigen Michael Brown war unklar, ob die Meldung mehr als eine Randnotiz der klassischen Medien werden würde: "Oft wird so etwas ignoriert, wird ausgewichen“, so Tufekci, „wir hören offizielle Statements, die ein Bild vom Opfer als Übeltäter, Plünderer, Krawallmacher zeichnen.“ Doch mittlerweile dominiert Ferguson die Titelseiten sowohl US-amerikanischer als auch internationaler Medien. Mitverantwortlich dafür: Twitter.

Twitter dient als Protokoll

Als die Polizei einige Tage nach Browns Tod mit gepanzerten Fahrzeugen anrückte, um Demonstranten einzuschüchtern, wurde ihr Vorgehen minutiös auf Twitter dokumentiert. Tausende Fotos und Videos wurden geteilt, Lageeinschätzungen ausgetauscht. Es ergab sich eine Berichterstattung aus dem Kollektiv mit dutzenden individuellen Perspektiven.

Facebook: Algorithmus ignorierte Ferguson

Auf Facebook fehlte davon anfangs jede Spur: Viele US-Nutzer berichteten davon, dass bis vor kurzem kaum Meldungen oder Postings über Fergusons in ihrer Timeline aufschienen. Schuld daran ist keine politische Agenda des sozialen Netzwerks, sondern dessen Algorithmus: Er erkannte offenbar nicht, wie wichtig #Ferguson wurde und reihte Urlaubsbilder und anderes höher. Gefährlich, so Tufekci – da Nutzer nach wie vor nicht wissen, wie Facebooks Mechanismus tatsächlich funktioniert.

Paradebeispiel für Netzneutralität

Sah man im direkten Vergleich dazu die ungefilterte Timeline auf Twitter, war klar, welche Macht Algorithmen einzelner Unternehmen ausüben können. Das zeigt wiederum eindrucksvoll die Gefahr fehlender Netzneutralität: Stelle man sich nun vor, Facebook und sein Algorithmus werde im Unterschied zu Twitter bevorzugt – wie viele Menschen würden mit Berichterstattung zu #Ferguson erreicht werden?

Blogger als Unterstützung

Aber auch abgesehen von den sozialen Netzwerken zeigt sich die Wichtigkeit der Netzneutralität. Wie an den zahlreichen Festnahmen von Journalisten, darunter auch STANDARD-Korrespondent Frank Hermann, deutlich wird, versucht die Polizei verstärkt, objektive Berichterstattung zu behindern. Das wird umso schwieriger, je mehr Personen in Ferguson sind – und ihre Erlebnisse via Netz verbreiten können. Werden private Blogs nun aber eingebremst, während traditionelle Berichterstattung behindert wird, fehlen wieder Informationen aus den Brennpunkten.

Das habe sich schon bei den Gezi-Park-Demonstrationen in der Türkei oder beim Arabischen Frühling gezeigt, so Tufekci weiter. Es zeigt sich also: Beim Kampf um Netzneutralität geht es um weit mehr als ruckelfreies Netflix-Schauen. (fsc, derStandard.at, 19.8.2014)

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    foto: apa/epa
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