Vermessene Kinder: Der Vergleich macht Sie unsicher

19. August 2014, 17:28
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Die kindliche Entwicklung ist in Tabellen gegossen und nach Lebensmonaten sortiert. Über Norm und Wirklichkeit beim Großwerden

Es beginnt schon im Mutterleib: Noch ist das Kind nicht auf der Welt, wird aber schon vermessen. Gleich nach der Geburt geht es weiter - der Mutter-Kind-Pass gibt dabei die Richtung vor. Nach dem Geburtsgewicht ist festgelegt, wann das Baby seinen Kopf heben, lächeln können oder Töne zu lokalisieren imstande sein soll. Wann soll es allein sitzen, wann endlich gehen können? Das alles steht in Tabellen, nach Lebensmonaten sortiert. Aber was, wenn nicht alles nach Plan läuft? Das Kind nicht dann zu krabbeln, zu laufen oder zu sprechen beginnt, wann es laut Zeitplan vorgesehen wäre? Da sind Eltern dann plötzlich verunsichert, zunehmend besorgt und suchen Rat bei den Ärzten.

Gestresste Eltern

"In meiner Praxis erlebe ich immer wieder diesen Stress, den derartige Tabellen bei Eltern auslösen", sagt Hans Salzer, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung am Landesklinikum Tulln. So heißt es zum Beispiel, dass ein Kind an seinem ersten Geburtstag schon erste Schritte gehen sollte. In Wahrheit gibt es jedoch eine Entwicklungsbandbreite vom zehnten bis zum 18. Monat. "Erst danach ist es wichtig, einen möglichen Grund für die Verzögerung zu suchen", sagt Salzer. "Natürlich verunsichert das Eltern, weil auch immer die Tendenz besteht, sich mit dem vermeintlich besseren Zustand zu vergleichen", meint auch der Vorarlberger Kinderarzt Harald Geiger, der sich in der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit engagiert.

"Vertrauensverlust"

Geiger nennt es eine Art "Vertrauensverlust" in das Potenzial des Kindes, der "entwicklungsgefährdend ist und unnötige Zwänge und Ängste erzeugt". Denn nicht jede Entwicklungsverzögerung muss gleich ein Problem bedeuten. Geiger versteht es zu beruhigen: "Viele Dinge regeln sich mit der Zeit von ganz allein. Es ist besser, in die Beziehung zu investieren als in die Erwartung." Sonja Gobara, Obfrau des Vereins "Politische Kindermedizin" und ärztliche Leiterin des Ambulatoriums "Sonnenschein" in St. Pölten, formuliert es anders: "Nicht jedes ungeschickte Kind braucht gleich eine Ergotherapie." Entwicklungstabellen seien "grobe Eckpunkte, bei denen genauer hingesehen werden muss, wenn ein Kind diese über einen längeren Zeitraum nicht erreicht".

Einig sind sich die Mediziner darin, dass der Trend zum Vergleich in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. "Das hängt damit zusammen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Vielfalt abgenommen hat", sagt Gobara. Ihre Schlussfolgerung daraus: "Kinder dürfen anders sein."

Zunehmende Normierung

Besonders eng wird es für Kinder aber erst im Bildungssystem. Die Screenings dafür beginnen im Kindergarten. Gobara: "Dort gibt es Erwartungen an zweieinhalbjährige Kinder, die früher ein fast Vierjähriger erfüllen musste: Sie spielen in dem Alter aber noch nicht miteinander, wollen nicht warten und schon gar nicht lange stillsitzen. Das wird viel zu früh erwartet." Ähnliches attestiert Geiger: "Ich habe in der Tat den Eindruck, dass gerade Kinder zunehmend Normierungen ausgesetzt sind, denen sie möglichst entsprechen sollen, besonders im Zusammenhang mit Aussehen, Verhalten und Bildungsansprüchen."

Salzer wiederum kennt Eltern, die "die Maße ihrer Kinder sofort nach der Untersuchung auf Facebook stellen, um Verwandte und Freunde zu informieren. Heute fragt man beim ersten Treffen nicht mehr, wie das Kind heißt, sondern was es bei der Geburt gewogen hat."

Sollten derartige Tabellen aus dem Mutter-Kind-Pass verschwinden? Im Prinzip handle es sich um "ein gutes Instrument, es wird nur unzureichend evaluiert", kritisiert Gobara. Der Pass selbst gehöre reformiert, da er "sich viel zu sehr auf quantitative Erhebungen und somatische Parameter wie Gewicht oder Größe bezieht und andere vernachlässigt". Psychosoziale Störungen bei Kindern sollten besser erfasst werden, sagt sie: "Wie gehen Eltern mit ihrem Kind um? Wird darauf geachtet, könnte schon vorzeitig, bevor Überlastungen einsetzen, Hilfe angeboten werden. Oder gibt es Anzeichen für eine autistische Störung? Das wird momentan erst durch den Sprachfortschritt relativ spät festgestellt."

In Beziehung investieren

Auch der Dornbirner Kinderarzt Harald Geiger stellt klar: "Normierungen oder Grenzwerte sind in der Medizin eine wichtige Grundlage, um Abweichungen feststellen oder Behandlungen planen zu können, zum Beispiel: bei welcher Anzahl von weißen Blutkörperchen eine weitere Chemotherapie verantwortet werden kann." Es brauche aber vor allem für die Eltern mehr Information über die Bedeutung derartiger Daten, meint Gobara. Ein Kinderarzt muss genau erklären, inwieweit ein Problem vorliegt. Gobara: "Wenn dafür keine Zeit bleibt, werden Eltern unsicher und manche entwickeln das Gefühl, dass ihr Kind nicht in Ordnung ist. Durch die gesellschaftliche Vereinzelung sind die Eltern dann oft allein gelassen, beginnen im Internet nach Informationen zu suchen, und schon steigt der Druck zu entsprechen."

Aufpassen heißt es auch in einem anderen Sinn, sagt Geiger, denn: "Es gibt natürlich von der Gesellschaft getragene Moden. Beispiele sind Zahnregulierungen und das Hyperaktivitätssyndrom ADHS. Jede Fehlstellung wird korrigiert und das Verhalten im Extremfall systemkonform gemacht - Stichwort Ritalin", klagt der Mediziner und warnt: "Kinder belastet es sehr, wenn sie das Gefühl haben, nicht zu entsprechen, besonders, wenn ihnen dieses Gefühl von nahen Bezugspersonen vermittelt wird." Seine Conclusio daher: "Bindung ist wichtiger als eine Normabweichung." (Peter Mayr, DER STANDARD, CURE, 19.8.2014)

  • Zu klein, zu dick, zu aufgeregt: Für alles gibt es Parameter, die oft mit Zielen verwechselt werden.
    foto: istockphoto.com/agorohov

    Zu klein, zu dick, zu aufgeregt: Für alles gibt es Parameter, die oft mit Zielen verwechselt werden.

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