Kirchtagsfreuden ohne Kärntner "Urangst"

19. August 2014, 05:30
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Der Loiblpass verbindet Nord und Süd seit Jahrtausenden. Aber die Karawankengrenze war auch lange ein Bollwerk des Deutschtums. Kärntner Grenzgeschichten zum Auftakt einer Serie über das Leben mit und über Grenzen

Ferlach - "Wo man mit Blut die Grenze schrieb ..." So lautet der Kernsatz der vierten Strophe des Kärntner Heimatlieds. Sie wurde 1930 auf Betreiben der Kärntner Landsmannschaft von der Lehrerin Agnes Millonig zu den ursprünglich drei Strophen des Johann Thaurer Ritter von Gallenstein dazugedichtet. Während Gallenstein die Schönheit der Landschaften Kärntens besingt, deutete die "Blutstrophe" den Abwehrkampf der Kärntnerinnen und Kärntner um die Landeseinheit 1919/20 zum "deutschen" Kampf um Kärnten um.

Die Karawankengrenze zum südlichen Nachbarn Slowenien wurde zum Bollwerk des Deutschtums gegen die slawischen Horden. Kaum eine Grenze hat sich stärker in die Köpfe der Menschen eingebrannt als diese.

Haus der Begegnung

Heute ist am alten Loiblpass, einem der ältesten Grenzübergänge Europas, kaum mehr etwas von der Kärntner Urangst zu spüren. Grenzgänger aus Kärnten und Slowenien treffen sich in der historischen "Stari-Loibl" -Hütte, die anstelle des ehemaligen Grenzhauses errichtet und kürzlich generalsaniert wurde. Das Wirtepaar Angelina und Ales Grum verwöhnt die Gäste mit traditionellen Köstlichkeiten aus Kärnten und Slowenien. Und seit 2003 findet dort oben alljährlich im August der EU-Kirchtag statt, bei dem grenzüberschreitend musiziert, getanzt und gegessen wird.

Der Eigentümer der Hütte, die knapp hinter der Grenze auf slowenischer Seite liegt, ist der Rechtsanwalt Mirko Silvo Tischler (siehe Porträt). Er will die Loiblhütte zu einem echten Haus der Begegnung machen, erzählt er im Standard-Gespräch. "Ich kam schon als kleiner Bub hierher. Diese Hütte liegt mir am Herzen. Vor zwölf Jahren haben wir dann gemeinsam mit dem damaligen Hüttenwirt Dusan Koren den EU-Kirchtag gestartet, und es ist einfach schön zu sehen, wie die Menschen diesseits und jenseits des Loibl immer mehr zusammenwachsen."

Eigentlich habe er die Loibl-Hütte beim "Jagern" wiederentdeckt, erinnert sich Tischler: "Ich wollte immer auch zum Erhalt der alten Loiblstraße beitragen", erklärt er seine Beweggründe, statt einer eigenen neuen Jagdhütte die alte Loiblhütte auszubauen.

Der Loiblpass zwischen Kärnten und der slowenischen Oberkrain war für Jahrtausende einer der ältesten und wichtigsten Alpenübergänge. Vor allem für die Römer, die den alten Loibl als wichtigste Verbindung nach Noricum sahen. Zunächst gab es nur einen Saumpfad, der die Städte Virunum und Emona, das heutige Ljubljana, verband. Zwei Altarfunde auf Kärntner Seite, beide der Göttin Belestis geweiht, bezeugen das.

Die bis ins Mittelalter benutzte Trasse wurde ab 1560 von den Kärntner Landständen erweitert, denn zunehmend wurde die Verbindung zur Hafenstadt Triest wichtig. In dieser Zeit entstand auch ein erster kleiner Tunnel auf der Passhöhe.

1728 wollte Kaiser Karl VI. den Loiblpass überqueren. Der baufällige alte Tunnel wurde abgetragen und ein rund vier Meter breiter und 130 Meter langer Einschnitt in die Kalkfelsen getrieben. Kaiser Karl ließ die alte Loiblstraße, die er ebenfalls als wichtige Verbindung zwischen Wien und Triest erachtete, noch weiter verbessern. Zwei Obelisken auf der Passhöhe erinnern seitdem an dessen Fertigstellung der alten Trasse.

Von Kaiser Karl VI. wird in Kärnten überliefert, dass er auf seinem Weg über die Karawanken bei einem Gasthof haltmachte und dort von Einheimischen slowenisch begrüßt wurde. Der leutselige Kaiser wollte sich mit ihnen unterhalten. Doch nur der Wirt, Peter Tschauko, konnte Deutsch. Das gefiel Karl VI., und so nannte er den Wirt "Deutscher Peter". Diese Bezeichnung ging auf das Gasthaus über, das auch heute noch so heißt und von derselben Familie betrieben wird.

KZ-Gräuel am Loibl

1942 wurde in der Geschichte des Loiblpasses ein düsteres Kapitel aufgeschlagen. Der Gauleiter von Kärnten, Friedrich Rainer, setzte den Bau einer neuen Nord-Süd-Verbindung über den Loibl durch. Kernstück sollte ein neuer Tunnel sein, durch den der militärische Nachschub der Nazis rascher auf den eroberten Balkan gelangen konnte. Dieser Tunnel wurde von 1652 Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen durch den Karawankenkamm getrieben.

Interniert waren die Zwangsarbeiter in zwei Außenstellen des KZ Mauthausen auf der Nord- und der Südseite des Loibls. Wer krank oder zu schwach war, wurde entweder ins KZ Mauthausen zurückgeschickt oder vom Lagerarzt Siegbert Ramsauer mittels Benzininjektion ins Herz an Ort und Stelle getötet. Ramsauer lebte bis zu seinem natürlichen Ableben unbehelligt in Klagenfurt und konnte dort auch seinen Arztberuf weiter ausüben.

Am 4. Dezember 1944 fuhren die ersten Wehrmachtsfahrzeuge durch den neuen Tunnel. Nach Kriegsende nutzten ihn etliche der verbliebenen 950 KZ-Häftlinge zur Flucht. Während man auf slowenischer Seite den geschundenen und ermordeten KZ-Tunnelbauern rasch ein würdiges Denkmal errichtete, dauerte es Jahrzehnte, ehe man auch auf Kärntner Seite bereit war, die Existenz des KZ Loibl-Nord nicht länger zu verschweigen. Heute erinnern zwei eher unscheinbare Gedenktafeln am Tunnel-Nordportal an die Gräuel am neuen Loiblpass.

Unesco-Welterbe

Erst 1964 wurde der Loibltunnel zweispurig für den Verkehr freigegeben. Die Grenze am alten Loibl ist heute auf slowenischer Seite Unesco-Weltkulturerbe und kann nur zu Fuß überschritten werden. Und auf der runderneuerten Loiblhütte ist die Kärntner Urangst grenzenloser Kirchtagsfreude gewichen. Man isst beim Wirte-Ehepaar Grum Cremeschnitten aus dem slowenischen Bled mit ebensolchem Genuss wie den traditionellen Kärntner Reindling. Und man singt gemeinsam auf Deutsch und auf Slowenisch - der "Blutstrophe" des Kärntner Heimatliedes zum Trotz. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, 19.8.2014)

    <p>Obelisken an der Grenze am alten Loibl.</p> <p><br><br></p>
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