Gegen die Islamkritiker-Kritiker

Kommentar der anderen18. August 2014, 17:13
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Diejenigen, die den Islam kritisieren, unterscheiden nicht zwischen "uns" und den "anderen". Sie thematisieren vielmehr eine terroristische Gefahr, unter der Muslime weltweit am meisten leiden. Eine Replik auf die Verdrehung von Realitäten

Benjamin Opratko, ein Projektmitarbeiter an der Uni Wien, der gerade an seiner Doktorarbeit über "antimuslimischen Rassismus" schreibt, hat vor wenigen Tagen im Standard ("Schleier lüften? Das ist ein Erpressungsversuch" vom 16. August 2014) auf meinen Text "Sind Muslime wirklich unfähig zur Selbstkritik?" reagiert. Ich möchte ihm antworten. Denn seine Aussagen verdrehen nicht nur die Realität, sie zielen auch gleichzeitig an dieser vorbei. Außerdem arbeitet er nicht mit dem Instrument der Argumentation, sondern dem der Unterstellung.

Opratko verfährt nach dem Prinzip von Anton Kuh "Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?" Ganze neunmal erwähnt er in seinem Text meinen Namen, aber nur dreimal kommt das Wort "Islam" vor. Es scheint Opratko nicht daran gelegen zu sein, sich mit der muslimischen Welt auseinanderzusetzen, er hat offenbar das Bedürfnis, mein Sparringpartner zu werden.

Sein erster Vorwurf, ich würde über "die Muslime" und "den Islam" als Kollektiv sprechen, ist der Klassiker jedes Islamkritiker-Kritikers. Es gebe ja schließlich Sunnis, Schiiten, Alewiten, den türkischen, den wahabitischen oder den Al-Azhar-Islam. Natürlich treffen Pauschalaussagen nie pauschal zu. Mit der Pauschalaussage: "Der Islam ist die Religion des Friedens" haben die Apologeten aber selbstverständlich keine Probleme.

Hobbymoralisten

Das ist auch vollkommen in Ordnung. Es ist der Kern jeder Kulturkritik, pauschale Aussagen zu treffen. Nur muss man sie dann auf beiden Seiten gelten lassen, sowohl als Kritik wie auch als Lob. Jeder Hobbymoralist darf sich heute darüber beschweren, dass "die Frauen" noch immer systematisch benachteiligt würden und dass "die Manager" alle raffgierige Zeitgenossen seien. Dass es solche und solche gibt, fällt Leuten wie Opratko immer erst dann ein, wenn es um den Islam geht.

Für ihn reicht meine Fragestellung, ob Muslime selbstkritisch seien, schon aus, mich kurzerhand dem militärischen Arm der Hamas anzugliedern. Ich sei mit meinen Aussagen nämlich "viel näher an den Prämissen der reaktionärsten islamistischen Bewegungen", als ich mir eingestehen mag.

Außerdem unterstellt mir Opratko, ich betriebe eine "Aufteilung der Menschheit in eine ,islamische' und einen ,Rest der Welt'". Dabei sollte er als Islamforscher selbst wissen, dass die Trennung des Dar-al-Islam (der islamischen Welt) und dem Dar-al-Harb (der ungläubigen, restlichen Welt) von islamischen Rechtsgelehrten aus der Phase des Ur-Islam stammt und heute noch in den Köpfen vieler Muslime existiert.

Islamkritik hingegen macht etwas anders. Sie unterscheidet nicht zwischen "uns" und "denen", sondern spricht Probleme und Gefahren für ein friedliches Zusammenleben an. Es sind schließlich die Muslime selbst, die am meisten unter den Verboten und Vorschriften des Islam leiden.

Opratko beweist mit jeder Zeile, dass er meinen Text entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat. Er behauptet, ich würde von sämtlichen Muslimen fordern, dass sie "sich zu allen im Namen des Islam in irgendeinem Teil der Welt begangenen Taten zu verhalten haben".

Doch weder mache ich alle Muslime dieser Welt für den Terror im Irak und Syrien verantwortlich noch für die Politik in ihren eigenen Ländern. Und ich zwinge auch nicht jeden Muslim dazu, sich zu jeder Schandtat, die im Namen des Islam begangen wird, "zu verhalten". Wenn allerdings Araber wie Türken das Bedürfnis haben, gegen den Krieg in Gaza auf die Straße zu gehen, einer Region fernab von ihren Heimatländern, dann fragt man sich, warum sie nicht vom gleichen Gerechtigkeitsdrang beseelt sind, wenn nicht Juden, sondern Muslime die Täter sind.

Opratko schreibt, es würde zeigen, wie krude meine These sei, wenn man in meiner Kritik nur Juden gegen Muslime austauschen würde. Als ob die sinngemäße Frage "Sind Juden wirklich unfähig zur Selbstkritik?" nicht tagtäglich in sämtlichen Medien rauf und runter gestellt würde! Nur ist das Judentum im Gegensatz zum Islam keine Gefahr für die Welt im 21. Jahrhundert. Oder habe ich eine Gruppe jüdischer Talmudschüler verpasst, die in ein Hochhaus geflogen ist oder einen Bus in die Luft gesprengt hat?

Erste Hilfe

Opratko kennt nur zwei Methoden: denunzieren und dementieren. Er negiert, verharmlost und relativiert die Gefahren, die vom Islam ausgehen. Und er versucht jene zu diskreditieren, die dies aussprechen. Für ihn mag das Lüften des Schleiers "ein Erpressungsversuch sein", wie er schreibt. Für mich wäre es eine lebensrettende Erste-Hilfe-Maßnahme. (Oliver Jeges, DER STANDARD, 19.8.2014)

Oliver Jeges (Jg. 1982) ist Sohn einer Österreicherin und eines Ägypters. Er lebt als Journalist und Autor in Berlin.

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