Es lauert das hohe C

18. August 2014, 17:28
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Liederabend mit Startenor Piotr Beczala in Salzburg

Salzburg - Leider ist Mieczyslaw Karlowicz auf einer Bergtour umgekommen. Von den zwei Dutzend Liedern des 1909 verunglückten polnischen Komponisten hat Tenor Piotr Beczala bei einem lauthals bejubelten Salzburger-Festspiele-Abend sieben besonders effektvolle präsentiert. Es sind scheinbar schlichte volksliedhafte Gesänge, denen Mieczyslaw Karlowicz meist einen effektvollen Schluss in großen Höhenlagen verpasst hat. Dass Piotr Beczala höchste Finaltöne auch im Pianissimo verklingen lassen kann, zeigte er eindrucksvoll etwa im Lied Ich weiß sie noch die stillen Tage.

In den vier atmosphärisch dichten Liedern von Sergej Rachmaninow setzte sich der Startenor gegenüber dem Liedsänger mit Lust und Verve durch. Doch auch hier bescherte just der zarte Klagegesang Flieder, den Beczala bei größter Präsenz in feinstem Pianissimo gestaltet hat, bewegende Augenblicke.

Nicht genug zu danken ist dem Ausnahmesänger, dass er diese Liedraritäten aus dem Osten Europas überhaupt ins Programm genommen und in den Originalsprachen - "naturgemäß" versiert wie kein Zweiter - vorgestellt hat.

Bekannt sind Antonín Dvoráks Cigánské melodie op. 55. Ei, ei wie mein Triangel wunderherrlich läutet heißt das zweite Lied, das Piotr Beczala lebendig-wendig und mit größtem Trotz dem Tod entgegengeschleudert hat. Bei dem wunderbar wehmütigen Lied Als die alte Mutter mich noch lehrte singen denkt man - da hilft nichts - an Thomas Hampson. Piotr Beczala hat das Verrinnen der Zeit, gespiegelt im Fluss der Wehmutstränen, mit größter Behutsamkeit beschworen.

Eröffnet haben Piotr Beczala und seine, vor allem laut begleitende, Partnerin am Klavier, Kristin Okerklund, den Abend in Salzburg mit Robert Schumanns Dichterliebe. Da wurde natürlich kein neues Kapitel in der Geschichte der Liedinterpretation aufgeschlagen. Aber Beczalas Ringen um eine der Gattung Lied angemessene Interpretation war spürbar, ohne dass es der Wiedergabe die Lebendigkeit geraubt hätte.

Opernbühnenausflüge

Wenn ein Sänger wie Beczala sich in einem Lied wie Ich grolle nicht einen Ausflug auf die Opernbühne gestattet, folgt man ihm gerne. Der Galgenhumor in Ein Jüngling liebt ein Mädchen war widerspenstig-bockig; die Verlorenheit in Ich hab' im Traum geweinet bewegend; wie der Erzmusikant Heinrich Heines archaische Bilder und die märchenhaften Gestalten der Alten bösen Lieder beschworen hat, war ein Erlebnis. Viele Zugaben. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD, 19.8.2014)

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