"Reiche erzählen nicht gerne, wie reich sie sind"

Interview19. August 2014, 05:30
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Reiche werden reicher und Arme immer ärmer? Ganz so einfach ist es nicht, sagt Verteilungsökonom Branko Milanovic

DER STANDARD: Sie forschen seit Jahren im Bereich Einkommensverteilung: Geht die globale Einkommensschere nun auf oder zu?

Milanovic: Global geht sie zu. Das Einkommen der Bürger dieser Welt ist gleicher verteilt als vor 30 Jahren. Die Ironie an der Sache ist aber, dass im gleichen Zeitraum die Verteilung innerhalb der einzelnen Länder ungleicher geworden ist. In Europa, etwa in Spanien, aber auch in Schweden und den Niederlanden werden die Armen ärmer und die Reichen reicher. Sehr dramatisch war die Entwicklung in den USA und Großbritannien, ungleicher geworden ist die Verteilung aber auch in China und Russland.

DER STANDARD: Warum sind die Einkommen weltweit trotzdem gleicher verteilt?

Milanovic: Weil jene Menschen, deren Realeinkommen gestiegen sind, zuvor sehr arm waren. Schaut man sich die Entwicklung seit den 1980er-Jahren an, so sieht man, dass die Einkommen der Ärmsten leicht und jene der globalen Mittelschicht sehr stark gestiegen sind. Zur globalen Mittelschicht gehören Menschen, die verglichen mit der europäischen Mittelklasse immer noch wenig verdienen: Chinesen, Thailänder und Inder mit gutem Einkommen etwa, aber sie holen auf. Auch das oberste Einkommensprozent hat weltweit von der Globalisierung profitiert. Der Verlierer dieser Entwicklung ist die untere Mittelschicht Europas und der USA, deren Einkommen stagniert seit Jahren.

DER STANDARD: Ist die asiatische Mittelschicht schuld daran, dass diese Einkommen stagnieren?

Milanovic: Teilweise ja. Aufgrund von Globalisierung, Outsourcing und billigen Importen. Aber auch der technologische Fortschritt hat zu der Entwicklung beigetragen: Gebildete profitieren, weniger Gebildete nicht. Und dass in den USA die Reichen immer weniger Steuern zahlen, ist auch ein Grund für die steigende Ungleichverteilung im Land.

DER STANDARD: Wohin wird das führen?

Milanovic: Kontinentaleuropa würde gern zurück ins Goldene Zeitalter der 1950er, als die Reallöhne für alle stiegen. Das ist aber nicht möglich. Die Globalisierung ist vorangeschritten, wir haben das Problem einer alternden Bevölkerung, und das Bildungsniveau in Europa ist mittlerweile ebenfalls auf einem hohen Level. Das Europa von heute ist nicht mehr das Europa von 1955. Auch die Welt von heute ist nicht mehr die Welt von 1955.

DER STANDARD: Wir sollten uns also besser an den Trend gewöhnen?

Milanovic: Bis zu einem gewissen Grad, ja. China, Indien, Thailand und Indonesien sind aufstrebende Länder. Als Nächstes kommen Nigeria und Äthiopien. Der Wettkampf wird nicht weniger.

DER STANDARD: Was würden Sie gegen die zunehmende Ungleichverteilung in der westlichen Welt unternehmen?

Milanovic: Bildung soll für alle zugänglich sein, und die Verlierer der Globalisierung sollten mit Transfers unterstützt werden. Das sind keine dramatisch neuen Maßnahmen, aber die Möglichkeiten innerhalb eines Landes sind derzeit aufgrund der Globalisierung auch ziemlich beschränkt.

DER STANDARD: Und woher soll das Geld für die Transfers kommen?

Milanovic: Die Steuersätze in Europa sind bereits sehr hoch, Einkommen kann man wohl kaum noch höher belasten. Insofern finde ich Thomas Pikettys Idee, die ganz hohen Vermögen zu besteuern, sinnvoll. Viel deutet darauf hin, dass die Steuerflucht weniger dramatisch ausfallen würde, als manche das gern darstellen. Ich glaube etwa, dass Johnny Hallyday und Gérard Depardieu in Frankreich Ausnahmen waren.

DER STANDARD: Sind Sie zufrieden mit der Art und Weise, wie Verteilung gemessen wird?

Milanovic: Ich bin nicht so glücklich darüber, wie die Daten erhoben werden, nämlich über Haushaltsbefragungen. Die Reichen erzählen nicht gerne, wie reich sie sind. Es kann also sein, dass wir die Ungleichverteilung stark unterschätzen. Zudem sind wir nicht gut über die Einkommensverhältnisse Afrikas informiert, speziell aus dem Sudan, dem Kongo oder Somalia fehlen Daten. Das sind arme, aber große Länder. Das kann ebenfalls dazu beitragen, dass wir die Verteilung nicht richtig einschätzen. Ein dritter Punkt ist, dass wir die Daten mancher Länder nur mit Verspätung erhalten. Ich warte zum Beispiel noch immer auf die Ergebnisse der Haushaltsbefragung in China aus dem Jahr 2012.

DER STANDARD: Was wissen wir über die Verteilung Chinas?

Milanovic: Mittlerweile sind die Einkommen in China genauso ungleich verteilt wie in den USA. Die große Frage für das Land ist nun, ob die Ungleichverteilung weiter steigt, oder ob es zur Reduktion durch soziale Transfers kommt, deswegen bin ich auch so neugierig auf die neuen Daten.

DER STANDARD: Was glauben Sie?

Milanovic: Ich bin optimistisch. Ich denke, China wird einen ähnlichen Prozess durchlaufen wie Europa. Wenn Einkommen und Alter einer Bevölkerung steigen – beides ist in China der Fall – steigt der Druck auf Politiker, ein soziales Netz aufzubauen. Vor allem bei Pensionen, die es in China nicht gibt, was zu einer hohen, ineffizienten Sparquote führt.

DER STANDARD: Was war eigentlich zuerst da? Die Finanzkrise, oder die Ungleichverteilung?

Milanovic: Vor der Krise stagnierten die Einkommen der Mittelschicht im Vergleich zu den Reichen. Das lässt sich von Politikern schlecht verkaufen, sie mussten die steigende Ungleichverteilung kaschieren. Also haben sie es für die mittleren Einkommensklassen einfacher gemacht, sich Geld zu borgen. Genau das ist in den USA passiert. Kurzfristig hat es funktioniert, Politiker und Finanzmärkte waren glücklich. Im Endeffekt hat es aber die Immobilienkrise ausgelöst. Die Ungleichverteilung ist also mit ein Grund für die Krise.

DER STANDARD: Und wie sind die Einkommen nun nach der Krise verteilt?

Milanovic: Interessanterweise war der erste Effekt der Krise eine höhere Gleichverteilung, weil zuerst vor allem der Aktienmarkt betroffen war. Das hat sich aber schnell geändert. Im weiteren Verlauf ist die Arbeitslosigkeit gestiegen, die Sozialleistungen sind zurückgegangen und die Ungleichverteilung hat zugenommen. Den Topverdienern ging es schnell wieder besser, aber die Realeinkommen der Mittelschicht und der Einkommensschwachen sind vor allem in den Ländern Südeuropas und in Irland massiv gesunken. (Sonja Spitzer, DER STANDARD, 19.8.2014)

Branko Milanovic (60) hat in Belgrad Wirtschaftswissenschaften und Statistik studiert. Von 1991 bis 2013 war er einer der leitenden Ökonomen der Weltbank und forscht aktuell zu Verteilungsfragen an der City University in New York.

  • Champagner gefällig? Während das Einkommen der europäischen Mittelklasse seit Jahren stagniert, freuen sich vor allem Chinas Reiche über Zuwächse.
    foto: reuters

    Champagner gefällig? Während das Einkommen der europäischen Mittelklasse seit Jahren stagniert, freuen sich vor allem Chinas Reiche über Zuwächse.

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