Brasiliens Wirtschaft legt Vollbremsung hin

18. August 2014, 17:46
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Die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas dürfte dieses Jahr so langsam wachsen wie seit der Krise nicht mehr

Brasilia/Wien – Brasiliens Ruf als boomendes Land bekommt zunehmend Kratzer. Wer das Stottern des Wirtschaftsmotors einschätzen möchte, muss in die Autofabriken hineinhören. Ein Fünftel der gesamten Industriegüter wird in der Automobilbranche produziert. Doch in den ersten sieben Monaten dieses Jahres schrumpfte die Produktion um 16 Prozent. Internationale Autobauer wie GM und Volkswagen haben reagiert und in den vergangenen Monaten hunderte Arbeiter auf die Straße gesetzt.

Nach der Fußball-Weltmeisterschaft im Juni und Juli setzt damit eine Katerstimmung in der größten lateinamerikanischen Wirtschaft ein. Von Reuters befragte Ökonomen haben ihre Wachstumsprognose 2014 für das Land im Schnitt auf 0,8 Prozent abgesenkt. Es wäre laut Daten des Währungsfonds die schwächste Entwicklung für das Land seit dem Krisenjahr 2009. Auch im kommenden Jahr soll es demnach nur um 1,2 Prozent bergauf gehen. Die Wirtschaftspolitik ist daher im aktuellen Wahljahr das Gesprächsthema. Am 5. Oktober stehen die Präsidentschaftswahlen an, Amtsinhaberin Dilma Rousseff wirbt mit der Wirtschaftspolitik und sozialer Gerechtigkeit um die Wiederwahl. Einen Erfolg konnte sie vergangene Woche vermelden. Der US-Autobauer GM will trotz der aktuellen Probleme in Brasilien investieren. GM-Chefin Mary Barra will bis 2019 rund zwei Milliarden Euro in das Land stecken.

Wachstumsimpulse bleiben aus

Doch an anderer Stelle hakt es: So ist ein Wachstumsimpuls durch die Weltmeisterschaft ausgeblieben. Kurzfristig hat die Wirtschaftsproduktion sogar gelitten. Denn für die Spiele der brasilianischen Fußball-Mannschaft Seleção wurden Sonderfeiertage verordnet und damit Arbeitsausfälle in Kauf genommen. Die Industrieproduktion schrumpfte insgesamt im Juni im Jahresvergleich um 6,9 Prozent.

Für Shweta Singh, Schwellenländer-Ökonomin von Lombard Street Research, ist Brasilien zu einem richtigen Sorgenkind geworden. "Brasilien ist eines der am wenigsten wettbewerbsfähigen Schwellenländer überhaupt", warnt die Volkswirtin. Nicht nur die brasilianische Währung, der Real, ist zu teuer. Dazu sind die Produktionskosten in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen, deutlich stärker als in Ländern wie Mexiko oder Indien.

Das macht die produzierten Güter in Brasilien im internationalen Vergleich sehr teuer. Singh hat in einer aktuellen Studie nachgerechnet: Im Vergleich zur Vorkrisenperiode ist der reale Wechselkurs um knapp 50 Prozent höher. "Der exportorientierte Zuwachs, der vor 2008 zu viel Wachstum geführt hat, verliert an Boden."

Das ist auch auf dem Automarkt abzulesen. Mexikos Industrie hat in den ersten sieben Monaten des Jahres dank hoher US-Nachfrage mehr Autos produziert als die brasilianische Industrie. (sulu, DER STANDARD, 19.8.2014)

  • Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff muss sich für die Wahl wappnen. Die Wirtschaftslage enttäuscht zusehends, in der Autobranche wurde das Land zuletzt von Mexiko überholt.
    foto: reuters/doce

    Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff muss sich für die Wahl wappnen. Die Wirtschaftslage enttäuscht zusehends, in der Autobranche wurde das Land zuletzt von Mexiko überholt.

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