E-Mail - "die Kakerlake des Internets"

18. August 2014, 10:22
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Für viele Nutzer ist sie veraltet, doch E-Mail dürfte aus mehreren Gründen bleiben

Sie gilt als antiquierte und zeitfressende Web-Technologie: die E-Mail. Früher die erste Wahl der Online-Kommunikation wird die elektronische Post mittlerweile von vielen heute geschmäht. Zu unproduktiv, zu wenig Echtzeit: Messenger-Apps, soziale Netzwerke und Online-Tools zum gemeinsamen Bearbeiten von Projekten haben die E-Mail zurückgedrängt. Neben den zahlreichen Gegnern, finden sich aber noch einige Verfechter, die an die Zukunft des Systems glauben.

Spam und Phishing

Es gibt mehrere Entwicklungen, die einem die Nutzung vergällen können. Spam und Phishing sind die eine Seite. Die Spam-Filter mögen zwar mittlerweile clever genug sein, das meiste richtig auszufischen. Doch immer wieder gibt es Kriminelle, die versuchen Nutzern Kontodaten und andere private Informationen durch manipulierte bzw. gefälschte E-Mails zu entlocken. Mitunter erfolgreich.

Durchsuchung

Zuletzt haben auch Google und Microsoft für Verstimmung gesorgt, weil sie E-Mails proaktiv nach Kinderpornografie scannen. Ein im Prinzip zwar legitimer Grund, dennoch scheint das vielen Nutzern nicht klar gewesen zu sein. Das Problem dürfte hier vor allem darin liegen, dass mit der Registrierung bei einem solchen Online-Dienst ein Rattenschwanz an Nutzungsbedingungen einhergeht, die kaum gelesen werden. Das ist freilich nicht nur bei E-Mail so, sondern auch bei anderen Diensten wie sozialen Netzwerken oder Online-Speicher.

Unproduktiv

Nicht zuletzt gilt E-Mail als unproduktiv - das Durchsieben der Mailbox durch wichtige Nachrichten kostet Zeit. Beim IT-Dienstleister Atos etwa ist das E-Mail-System zur internen Kommunikation im vergangenen Jahr durch ein Social Network ersetzt worden. Daimler wiederum hat bekannt gegeben, die E-Mails seiner Mitarbeiter während des Urlaubs zu löschen, um sie zu entlasten.

Interoperabel und dezentral

Und dennoch bleiben unbestreitbare Vorteile von E-Mail: es ist dezentral, offen und interoperabel. Jeder kann eine E-Mail-Adresse beim Anbieter seiner Wahl einrichten, meist ohne Kosten. Um mit anderen Nutzern zu kommunizieren muss man nicht denselben Anbietern wählen, wie es etwa bei Messaging-Diensten der Fall ist. Nicht nur Text, auch Dateien können versendet werden.

Und es wird nicht von einem einzelnen Unternehmen kontrolliert. Firmen, Organisationen und auch technisch etwas versiertere Privatnutzer können ihr eigenes System einrichten. So kann man Google, Microsoft und anderen Anbieter meiden.

Innovationen

Und es gibt Entwickler, die noch in die Zukunft des Systems investieren, es verbessern wollen. Das US-Startup Inbox will Technologien wie IMAP, SMTP und MIME-Kodierung ablösen und eine neue E-Mail-Plattform schaffen. Daneben versuchen mehrere Programmierer mobiler Apps die E-Mail-Nutzung aufzufrischen. Mailbox zielt etwa darauf ab, den Posteingang zu leeren und keine unbearbeiteten Nachrichten liegen zu lassen. Hop versucht E-Mail zu Messaging-ähnlicher Kommunikation umzuwandeln. CloudMagic bindet E-Mail an verschiedene Business-Tools an.

Was den Spam angeht: Anbieter wie Google haben ein intelligentes Filtersystem entwickelt, das den Posteingang nach erwünschten Newslettern, Rechnungen und Spam sortieren können. Und genau dafür kann E-Mail auch in Zukunft da sein, wenn auch die persönliche Kommunikation über andere Kanäle verläuft. Für Alexis Madrigal von The Atlantic ist es daher "die Kakerlake des Internets", die nicht aussterben wird. (br, derStandard.at, 18.8.2014)

  • Der Anblick einer digitalen Mailbox ist selten so erheiternd wie dieses analoge Exemplar.
    foto: reuters/wolfgang rattay

    Der Anblick einer digitalen Mailbox ist selten so erheiternd wie dieses analoge Exemplar.

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