Bügelharmonie mit Bundy-Effekt

18. August 2014, 07:29
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Salzburger Festspiele: Riccardo Muti dirigiert Anton Bruckner

Salzburg - Riccardo Muti und Anton Bruckner: Die Kombination des Spezialisten für glatt polierte, tänzelnde Galanterie mit den schroffen, gewaltigen Symphoniebauten des gottesfürchtigen Einzelgängers ist ein ähnlich zwingendes Miteinander wie jene von Johanna Mikl-Leitner und einem "Falter"-Abonnement. Etwas sinnvoller wird die Sache, wenn die Festspielleitung die siebente Folge der Serie aller Bruckner-Symphonien zum Gedenkkonzert anlässlich des 25. Todestages von Herbert von Karajan erklärt - waren doch die Bande zwischen Karajan und dem Italiener eng.

Und grundsätzlich geht Muti im sommerlichen Salzburg natürlich immer: stolz und elegant das Auftreten, das Haar so voll, fluffig und eidotterglänzend, wie man es vor Jahren in den TV-Spots der Friseure Bundy gesehen hat.

Glänzend auch das Wirken der Wiener Philharmoniker in der vierten Symphonie Franz Schuberts: weich und ansatzlos die Streicher in der Einleitung des Kopfsatzes. Der Beginn des langsamen Satzes der "Tragischen" war erst ein intimes Flüstern, das sich zu sattem Schwelgen steigerte. Doch die von Konzertmeister Rainer Küchl angeleiteten Streicher ergötzten nicht nur mit breitem Pinselstrich: Zart und doch pointiert artikuliert wurde etwa das erste Thema des Kopfsatzes präsentiert.

Beim Holz hingegen erwischten einige Granden (beim Freitagskonzert) nicht ihren besten Tag. Akzente waren beim Gentleman Muti eher höfliche Schubser; über einige Überraschungen im harmonischen Verlauf bügelte er drüber: nicht dass hässliche Knitterfalten der Erregung entstünden!

Wenig Metaphysik, nur wohltemperierte Extreme, kaum lichte Himmelsnähe und höllische Schwärze dann bei Bruckners sechster Symphonie; die beiden Höhepunkte am Ende des Kopfsatzes passierte man beinahe unbemerkt. Von fast zeitloser Langsamkeit das Adagio, geschmeidig-kantabel der Finalsatz. Die Begeisterung für Mutis Bruckner sollte ohne größere emotionale Nachhaltigkeit verklingen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 18.8.2014)

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