Wie kommt Europa wieder zu Wachstum?

18. August 2014, 11:11
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Die Wirtschaft stagniert im zweiten Quartal: Vier Fragen und Antworten, wie der stotternde Konjunkturmotor angekurbelt werden kann

Wien - Die Eurozone ist im zweiten Quartal stagniert, noch ehe die Russland-Sanktionen auf die Stimmung von Unternehmen und Haushalten gedrückt haben. Einzelne Mitgliedsstaaten fachen bereits eine Debatte an, wie die Euroländer auf die jüngste Konjunkturschwäche reagieren sollen. Italien und Frankreich fordern von der größten Volkswirtschaft Deutschland mehr Investitionen zur Ankurbelung der Wirtschaft und von der Europäischen Zentralbank weitere Maßnahmen. Um welche Maßnahmen es geht und was das niedrige Wachstum für Österreich bedeutet: Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Frage: Die Wirtschaft in der Eurozone lahmt. Wie kann Europa wieder zu Wachstum kommen?

Antwort: Die Hoffnung ruht auf Deutschland. Nach der Stagnation im zweiten Quartal werden die Rufe nach einem Schwenk in der deutschen Wirtschaftspolitik lauter. EU-Sozialkommissar Lazlo Andor appellierte am Wochenende in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" an die besondere Verantwortung Deutschlands.

Das Land müsse seine Lohnpolitik ändern und "die exzessiven Exportüberschüsse, die anderen europäischen Nachbarländern schaden, reduzieren". Das Kalkül: Höhere deutsche Löhne würden den Konsum anheizen. Von einer besseren Kauflaune der Deutschen hätten alle Euroländer etwas. Jüngst hatte sogar die Deutsche Bundesbank kräftige Lohnerhöhungen von drei Prozent als volkswirtschaftlich sinnvoll eingefordert.

Frage: Aber wenig wettbewerbsfähige Länder wie Frankreich hätten von kauflustigen deutschen Konsumenten doch recht wenig?

Antwort: Frankreich und Italien drängen zusätzlich auf mehr staatliche Investitionen, in Berlin und in Brüssel. Manuel Valls, Frankreichs Ministerpräsident, fordert wie sein italienischer Kollege Matteo Renzi nach der Stagnation im zweiten Quartal Investitionen: "Wir brauchen eine Investitionsinitiative auf europäischer Ebene." Zugleich verlangt die französische Regierung eine aktivere Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB).

Frage: Die EZB fährt schon lange eine Nullzinspolitik. Was soll sie noch tun?

Antwort: Die EZB hat zwar die Zinsen auf fast null gesenkt (0,15 Prozent). Doch im Vergleich zu der US-Notenbank ist die EZB relativ zurückhaltend, etwa gemessen an der Bilanzsumme. Sie schrumpfte bei der EZB seit 2013 um knapp 30 Prozent. In den USA kaufte die Notenbank weiter Wertpapiere auf, um die Wirtschaft zu stützen. Der französische Finanzminister Michel Sapin fordert, dass die EZB "entschlossener gegen die niedrige Inflation vorgehen soll".

Auch wegen der Zurückhaltung in Frankfurt sei "das Wachstum in Europa und in Frankreich zusammengebrochen", sagt Sapin. Er weiß bei seinen Forderungen etwa den Währungsfonds hinter sich. Tatsächlich könnte die EZB reagieren, wenn sich die Erwartungen, etwa wegen der Russland-Krise, eintrüben. Ökonomen und Bankvolkswirte revidieren ihre Wachstumsaussichten für die Eurozone bereits unter die Marke von einem Prozent für 2014.

Frage: Was bedeutet das jüngste Konjunkturtief für Österreich?

Antwort: Eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die heimische ist stark von der Konjunktur ihrer Handelspartner abhängig. Auch hierzulande werden die Wachstumsprognosen nach unten revidiert, um nur knapp ein Prozent dürfte das Bruttoinlandsprodukt 2014 steigen.

Das bedeutet, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt angespannt bleibt. Damit die Arbeitslosigkeit von zuletzt fünf Prozent (nach EU-Definition) nicht weiter zunimmt, müsste das Wirtschaftswachstum gut doppelt so hoch wie aktuell sein. Denn das Arbeitskräfteangebot steigt Jahr für Jahr, laut AMS-Daten um knapp 0,8 Prozent. Zudem produzieren die Unternehmen jedes Jahr effizienter. Das macht mehr Wachstum nötig, um den Arbeitsmarkt zu entlasten - doch das ist aktuell kaum abzusehen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 18.8.2014)

  • Auf der Euro-Baustelle ist das Miniwachstum ein großer Konfliktherd. Die EZB, die an ihrem neuen Hauptquartier baut, ist dabei oft mit Begehrlichkeiten konfrontiert.
    foto: ap/probst

    Auf der Euro-Baustelle ist das Miniwachstum ein großer Konfliktherd. Die EZB, die an ihrem neuen Hauptquartier baut, ist dabei oft mit Begehrlichkeiten konfrontiert.

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