Benko setzt bei Karstadt Rotstift an

17. August 2014, 17:24
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Österreichischer Investor könnte nach Übernahme der deutschen Warenhauskette nahezu jeden vierten Standort schließen

Wien/Essen - Die angeschlagene deutsche Warenhauskette Karstadt steht nach dem Eigentümerwechsel an den Tiroler Immobilien-Investor René Benko vorerst weiterhin vor einer ungewissen Zukunft. Rund 17.000 Mitarbeiter müssen sich auf Einschnitte gefasst machen. Bereits am kommenden Donnerstag will der Aufsichtsrat nach bisherigen Planungen über ein Sanierungskonzept beraten. Dabei steht laut Medienberichten nahezu jeder vierte Standort auf dem Spiel.

Der 37 Jahre alte Benko übernimmt die Kontrolle beim kriselnden Konzern vom bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen. Die deutsche Gewerkschaft Verdi bekräftigte am Wochenende ihre Forderung an den Tiroler, ein Konzept zu präsentieren, das die Zukunft von Karstadt und den Beschäftigten sichere. Benko sei auch bereit, weiter zu investieren, berichtete die "Bild"-Zeitung am Sonntag - als "Karstadt-Retter" wolle der Tiroler aber nicht gelten.

Ein Sparpaket wird kommen

Es werde zu einem Stellenabbau und zu Standortschließungen kommen - unberührt dürften die wirtschaftlich besser laufende Spezialhäuser für Sport und Luxus bleiben. Mittelfristig könnten 15 bis 20 Häuser geschlossen werden, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") unter Berufung auf das Umfeld Benkos. Bevor dies geschehe, wolle der Österreicher aber Haus für Haus auf Rentabilität prüfen.

Viel Zeit dürfte Benko bei den anstehenden Entscheidungen nicht haben. Denn Karstadt steckt seit langem in einer Krise. Das Unternehmen kämpft mit roten Zahlen und rückläufigen Umsätzen.

Ein Sprecher von Benkos Signa-Holding kommentierte den "SZ"-Bericht nicht. Den Informationen zufolge will Benko zehn Jahre oder mehr bleiben und in das Unternehmen investieren. Er plane, Markenhändler als zusätzliche Mieter in die meisten Karstadt-Häuser zu holen und sie zu größeren Einkaufszentren umzubauen. Die "Bild" berichtete weiters, dass Benko Karstadt in den kommenden zwölf Monaten sanieren wolle, mit Einschnitten in allen Bereichen.

Sorgen um 20 Standorte

Aufsichtsratschef Stephan Fanderl hatte schon vor einem Monat einen harten Sanierungskurs angekündigt: Alles müsse bei Karstadt auf den Prüfstand gestellt werden. Das Unternehmen mache sich "berechtigte Sorgen um die Profitabilität" von mehr als 20 Warenhäusern, hatte Fanderl der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt. Konkrete Schließungsbeschlüsse gebe es aber noch nicht.

Am Freitag war bekanntgegeben worden, dass der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen die Kette für einen Euro an Benkos Signa abgibt. Anfang der Woche soll der Tiroler die Kontrolle über die 83 Filialen übernehmen.

Auch Berggruens verbliebene Anteile an den Karstadt-Premium-Kaufhäusern und Karstadt Sports sowie die Markenrechte gehen an Signa. Das deutsche Bundeskartellamt muss dem Deal noch zustimmen.

Forderungen nach Zukunftskonzept

Die Gewerkschaft Verdi unterstrich ihre Forderung nach einer zukunftsfähigen Strategie für Karstadt: "Wir werden uns sehr genau anschauen, was für ein Konzept der neue Eigentümer präsentiert", kündigte Verdi-Sprecherin Eva Völpel am Sonntag an. Karstadt-Gesamtbetriebsrat und Verdi hatten den neuen Eigentümer am Freitag dazu aufgefordert, das Zukunftskonzept zu präsentieren und zu zeigen, dass er gewillt sei, ausreichend in das Unternehmen zu investieren.

Der Deutsche Städtetag hofft ebenfalls darauf, dass der neue Eigentümer ein kluges Zukunftskonzept vorlegt. "Die Städte brauchen attraktive Zentren und haben ein großes Interesse daran, dass es dem Einzelhandel vor Ort gut geht", teilte der Hauptgeschäftsführer des Städtetags, Stephan Articus, mit.

Streit um Managementfehler

Der Deutschamerikaner Berggruen hatte Karstadt 2010 für den symbolischen Preis von einem Euro aus der Insolvenz übernommen. Nun verkauft er die Kette für einen Euro an Benko. In der "Bild" (Samstag) räumte Berggruen Fehler im Management von Karstadt ein.

Gleichzeitig wies der Benko-Vorgänger bei Karstadt allerdings Vorwürfe zurück, sich am Unternehmen bereichert zu haben. "Fakt ist: Karstadt war für uns kein gutes Geschäft, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch mit Blick auf meinen Ruf in Deutschland", meinte er. Mit seinem Komplettausstieg wolle er den Weg für einen Neuanfang freimachen. "Alle wissen, dass es so nicht weitergehen kann", sagte er.

Von der deutschen Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) war Benko am Freitag umgehend aufgefordert worden, die Interessen der 17.000 Beschäftigten bei der Sanierung angemessen zu berücksichtigen. "Unser Appell an den neuen Investor kann im Moment nur sein, die Arbeitnehmerseite intensiv zu beteiligen", sagte ein Sprecher der Politikerin. Die Mitarbeiter hätten schon sehr lange ihren Beitrag geleistet, um Karstadt voranzubringen, und bräuchten Sicherheit und Perspektiven. "Das Unternehmen muss jetzt in sicheres, ruhigeres Fahrwasser. Äußerungen von Herrn Benko ist zu entnehmen, dass das auch sein Ziel ist." (APA, 17.8.2014)

  • Immobilien-Investor René Benko muss die Kaufhaus-Kette aus den Medien und in ruhigeres Fahrwasser führen.
    foto: apa/gerten

    Immobilien-Investor René Benko muss die Kaufhaus-Kette aus den Medien und in ruhigeres Fahrwasser führen.

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