Deutscher Historiker Wolfgang Leonhard ist tot

17. August 2014, 11:23
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Sowjet- und DDR-Experte wurde mit "Die Revolution entlässt ihre Kinder" auch zum Bestsellerautor

Berlin − Wolfgang Leonhards Leben war so aufregend wie die deutsche Geschichte, an der er beteiligt war. Einst war ihm eine kommunistische Spitzenkarriere vorgezeichnet, als er als treuer Genosse ein sozialistisches Deutschland aufbauen sollte. 1948 wandte er sich vom Stalinismus ab und wurde zu einem der kenntnisreichsten Kritiker des real existierenden Sozialismus.

Als Sowjet- und DDR-Experte war er publizistisch stets aktiv − und mit der eigenen Lebensgeschichte "Die Revolution entlässt ihre Kinder" (1955) auch Bestsellerautor. Am Sonntag ist Leonhard im Alter von 93 Jahren in einem Krankenhaus in Daun in der Eifel gestorben.

"Es war ein langer Kampf", sagte seine Frau Elke Leonhard. Er habe seine schwere Krankheit über Monate "stoisch ertragen" und die letzten 100 Tage nur in Kliniken verbracht.

Leonhard galt als letzter Zeitzeuge aus dem innersten kommunistischen Führungskreis, der die spätere Gründung der DDR vorbereitet hatte. "Es ist nicht dasselbe, ob man von politischen Gegnern, die man bekämpft, oder von seinen eigenen Leuten umgebracht wird", formulierte er einst bitter. Die deutschen Kommunisten seien "die einzige politische Bewegung, in der ungefähr gleich viele Menschen von den Nazis und von den Stalin-Leuten in der Sowjetunion umgebracht wurden".

Leonhard verbrachte den größten Teil seines Lebens in der Eifel in Manderscheid − umgeben von mehr als 6000 Büchern über die UdSSR und die DDR, mit der Analyse des real existierenden Kommunismus.

Wladimir Leonhard hieß er zunächst. Den russischen Vornamen bekam er von seiner Mutter, der Lyrikerin Susanne Leonhard. Sie war eine enge Freundin von Rosa Luxemburg und begeistert von der Sowjetrevolution. 1925 trat sie aber aus der KPD aus, floh 1935 mit ihrem Sohn nach Moskau − und verschwand schon 1936 als kommunistische Abweichlerin in einem Lager in Workuta nördlich des Polarkreises, aus dem sie erst 1948 wieder auftauchen sollte.

Unterdessen besuchte Wladimir Leonhard bis 1940 in Moskau die Schule, studierte dann für den Lehrerberuf und wurde ab Sommer 1942 an der Komintern-Schule für eine spätere kommunistische Führungsrolle ausgebildet.

Zwischen Schrecken und Hoffnung

Ein Jahr später kam er ins legendäre und berüchtigte "Hotel Lux" in Moskau, in dem die kommunistische Führungselite zwischen Schrecken und Hoffnung lebte. Leonhard wurde Sprecher im deutschsprachigen Radiosender ("Wir waren so national, wie man es heute in Deutschland kaum sein kann") und im April 1945 der "Gruppe Ulbricht" zugeteilt − geleitet von dem späteren DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht.

Kurz vor der Kapitulation Hitler-Deutschlands wurden die Genossen nach Deutschland gebracht, um dort einen kommunistischen Staat aufzubauen. "Das mit dem Wladimir ist schlecht, hast Du keinen deutschen Vornamen?" sagte Ulbricht während des Fluges am 30. April 1945. Leonhard berichtet, er habe Wolfgang angeboten. Ulbricht: "Na gut, dann bist Du eben der Wolfgang."

Leonhards Hoffnung, nach dem Ende des Nationalsozialismus werde es in Deutschland eine "antifaschistisch-demokratische Republik" und in der UdSSR ein freieres, toleranteres System geben, wurde enttäuscht. Stattdessen erlebte er aus allernächster Nähe, wie in der sowjetischen Besatzungszone (Ulbricht: "Es muss alles demokratisch aussehen") tatsächlich ein stalinistisches System errichtet und die SPD mit der KPD zwangsvereinigt wurde: "Mit jedem Monat wurde es schlimmer und schlimmer."

1948 sah er in Titos Jugoslawien den Versuch, kommunistische Ideale zu verwirklichen. Im März 1949 floh Leonhard, damals Lehrer an der Parteihochschule, nach Jugoslawien. 1950 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland über. Später lehrte er 21 Jahre (bis 1987) als Kommunismusexperte an der US-Eliteuniversität Yale. Bis ins hohe Alter war Leonhard als Zeitzeuge sehr gefragt. "Ich bin der Letzte, der die Nachkriegszeit noch ganz genau in Erinnerung hat", hatte er zu seinem 85. Geburtstag gesagt.

Der Kommunismus, die Sowjetunion und die DDR − das waren die Themen, die ihn sein ganzes Leben beschäftigten. "Langfristige Perspektiven" der Politik sehnte er sich in Manderscheid herbei. Derzeit drehe sich im Politikalltag "alles um Kleinigkeitsdinge und Fragen der nächsten sechs Monate", sagte Leonhard einmal. "Man kann doch nicht das ganze Leben auf praktische Fragen reduzieren." (APA, 17.8.2014)

  • Galt als Zeitzeuge der Nachkriegszeit: Wolfgang Leonhard.
    foto: apa/hermann josef wöstmann

    Galt als Zeitzeuge der Nachkriegszeit: Wolfgang Leonhard.

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