Der größte Steuerirrsinn ist ganz unten

Blog16. August 2014, 14:20
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Wer knapp über 400 Euro im Monat verdient, zahlt dafür mehr als 100 Prozent Sozialversicherungsabgaben. Das gehört geändert

Oft hört man in der laufenden Debatte über eine Steuerreform die Kritik, dass Arbeitnehmer, die gerade 1200 Euro im Monat verdienen, bereits von einem Grenzsteuersatz von 36,5 Prozent getroffen werden, also für jeden zusätzlich verdienten Euro mehr als ein Drittel an den Fiskus abliefern müssen – zusätzlich zu den Sozialversicherungsabgaben.

Aber erst durch den Sommerjob meines 16-jährigen Sohnes ist mir bewusst geworden, dass der wirkliche Irrsinn einer dramatisch hohen Steuer- und Abgabenbelastung weiter unten lauert – nämlich bei der Geringfügigkeitsgrenze von derzeit 395 Euro im Monat.

Wer weniger als das im Monat verdient, zahlt keine Abgaben für Kranken- und Pensionsversicherung – und auch der Arbeitgeber erspart sich diese Kosten. Steigt das Monatseinkommen aber über diese Schwelle, wird für das gesamte Einkommen die Sozialversicherung fällig.

30 Prozent Abgabe über 395 Euro

Mein Sohn wird für einen Halbtagsjob im August etwas über 500 Euro verdienen. Davon muss er 15 Prozent SV-Abgaben bezahlen. Das schaut zwar erträglich aus. Rechnet man aber den gleich hohen Dienstgeberanteil dazu, dann beträgt die Belastung von den Gesamtlohnkosten schon 30 Prozent. Bei 395 Euro wäre der Verdienst praktisch abgabenfrei – also brutto für netto.

Die Absurdität lässt sich am Brutto-Netto-Rechner der Arbeiterkammer gut ablesen. Wenn der Gehalt auf 400 Euro steigt, verliert man Geld – ein Abgabensatz von weit über 100 Prozent. Erst bei 465 Euro hat man den gleichen Nettoverdienst wie zuvor – wenn man den Dienstgeberanteil nicht berücksichtigt.

Leistungen fürs Geld

Das ist nicht so ungerecht wie es scheint. Denn anders als bei der Einkommenssteuer erhält man bei der Sozialversicherung auch Leistungen fürs Geld – eine Kranken- und Pensionsversicherung (unfallversichert ist man ohnehin), Das habe ich auch meinem Sohn erklärt - dass er sich jetzt Pensionszeiten erwirbt, die ihm in 50 Jahren etwas bringen.

Aber viele, die so wenig verdienen, sind bereits krankenversichert. Und vor die Wahl gestellt, jetzt oder in der Pension etwas mehr in der Tasche zu haben, entscheiden sich die meisten Menschen für die Gegenwart.

Kein Anreiz zum Arbeiten

Und das ist das Hauptproblem bei dem jetzigen System: Es bildet einen gewaltigen Anreiz, nicht über der Geringfügigkeitsgrenze zu verdienen. Entweder kassiert man schwarz oder man arbeitet einfach weniger. Beides ist schlecht für die Volkswirtschaft.

Ich kenne keine konkreten Schätzungen, aber von den 20 Milliarden Euro, die laut dem Linzer Ökonomen Friedrich Schneider jährlich in der Schwarzarbeit erwirtschaftet werden, ließe sich einiges vermeiden, wenn man die Sozialversicherung anders berechnen würde. Und viele Menschen mit Gelegenheitsjobs würden tatsächlich mehr arbeiten und damit auch mehr Geld in der Tasche haben.

Lösung ist Sockelfreibetrag

Die logische Lösung wäre, aus der Geringfügigkeitsgrenze einen Sockelfreibetrag zu machen, für den auch dann keine Sozialversicherung eingehoben wird, wenn man mehr verdient. Das gleiche Prinzip gilt ja auch bei der Einkommensteuer.

Um einen Einnahmenverlust bei der Sozialversicherung zu vermeiden, könnte die Grenze im Gegenzug gesenkt werden, vielleicht etwa auf 300 Euro. Wer dann 400 Euro verdient, würde nur auf die letzten 100 Euro SV-Abgaben bezahlen.

Das wäre ein massiver Leistungsanreiz am unteren Ende der Einkommenspyramide.

Und wenn dann mehr Menschen offiziell arbeiten, dann hätte auch das Sozialsystem mehr Einnahmen. Das wäre ein Element einer Steuerreform, gegen die eigentlich niemand etwas haben sollte. (Eric Frey, derStandard.at, 16.8.2014)

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