Ebola, die afrikanische Krankheit

Kolumne15. August 2014, 20:13
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Die Epidemie zeigt, wie wenig die Menschen dort irgendjemanden interessieren

Es ist beschämend, was sich im Westen Afrikas abspielt. Beschämend für den Norden, beschämend für den Süden. Denn die derzeitige Ebola-Epidemie zeigt zum wiederholten Mal, dass die Menschen dort eigentlich niemanden wirklich interessieren. Weder die eigenen Regierungen noch den Rest der Welt. Ist ja nur Afrika, was soll's.

Offiziell haben sich beim aktuellen Ausbruch rund 2000 Menschen infiziert, 1000 davon sind gestorben. Nur: Versteckt im dritten Absatz einer Presseaussendung gab die Weltgesundheitsorganisation WHO zu, dass man eigentlich im Dunkeln tappe. Denn die Erkenntnisse der Helfer in den Zentren des Ausbruchs legten nahe, dass die Größe des Ausbruchs "enorm unterschätzt" werde. Was das konkret bedeutet, wie viele Menschen also derzeit bei lebendigem Leib verbluten, wird nicht erwähnt.

Man stelle sich das vor: In Österreich bricht eine ansteckende, extrem tödliche Krankheit aus, die Behörden werden aktiv, und en passant erfährt man ein halbes Jahr später, dass es möglicherweise noch viel schlimmer sei, aber leider, es gebe halt keine vernünftigen Informationen. Als Behördenleiter oder -leiterin sollte man sich dann keine allzu großen Hoffnungen auf einen Orden machen.

Bei Ebola kommen mehrere Komponenten zusammen. Die Krankheit ist bisher nur in Afrika aufgetreten. Macht sie schon einmal deutlich weniger interessant für westliche Pharmafirmen. Obwohl die Todesrate auf bis zu 90 Prozent ansteigen kann, sind 40 Jahre vergangen, bis es nun erstmals zum Einsatz experimenteller Medikamente kommt.

Das HI-Virus stammt ebenso ursprünglich aus Afrika. Wäre es dort geblieben, würde es sicher nicht als Aufhänger für jährliche Spendenveranstaltungen wie den Life Ball dienen. Denn erst das Auftreten in den USA und Europa hat der Erkrankung plötzlich Aufmerksamkeit verschafft - und mittlerweile dazu geführt, dass sie, richtig behandelt, ein chronisches Leiden geworden ist.

Allerdings ist es genauso billig, nur der bösen, kapitalistischen, (neo)imperialistischen "Ersten Welt" die Schuld zu geben. Die gibt nämlich durchaus Geld aus. Auch wenn Entwicklungshilfeorganisationen die Höhe regelmäßig kritisieren - über die Jahrzehnte seit der Entkolonialisierung flossen Milliarden und Abermilliarden nach Afrika.

Liberia, einer der drei derzeit am stärksten betroffenen Staaten, wurde gar schon 1847 unabhängig. Es hat große Erzvorkommen; Edelmetalle und Diamanten werden abgebaut. Mit staatlicher Beteiligung.

Es müssen daher unangenehme Fragen gestellt werden: Wie kann es möglich sein, dass in Liberia das genaue Ausmaß der aktuellen Epidemie nicht festgestellt werden kann? Offenbar werden die Patienten entweder gar nicht erreicht, oder ihre Angehörigen verstecken sie lieber, als sie in Quarantänezentren zu bringen. Wie kann es sein, dass abergläubische Menschen in isolierten Gebieten hausen - obwohl Geld da war, das aber in den vergangenen Jahrzehnten nicht in medizinische Infrastruktur, in vernünftige Verkehrswege, in Bildung investiert worden ist?

Es ist nicht nur Westafrika, und es ist nicht nur Ebola. Es ist der ganze Kontinent, es sind Malaria, Hungersnöte, Bürgerkriege. Und es gibt keine einfachen, schnellen Antworten. Aber es ist sicher, dass die bisherigen Wege ins Nichts geführt haben. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 16.08.2014)

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